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Hexen-und-Wissenschaft

Die Unterscheidung zwischen Schadenzauber und den Hexenverfolgungen der frühen Neuzeit / Teil 1 /  Dieser Artikel wurde veröffentlicht am 2020aug21

Hexen und Wissenschaft

Hexen sind die Lieblinge des Publikums: 1. Bei den Teenies, weil die sich so sehr wünschen, zaubern zu können, 2. bei den Neopaganen, weil sie sich eine spirituelle Abstammungslinie wünschen und ein Heer von beeindruckenden Märtyrerinnen für die wahre Natur-Religion, 3. bei den Frauenrechtlerinnen, da ist es ebenfalls der Wunsch nach radikalen Vorgängerinnen nur halt im Kampf gegen das Patriarchat, 4. bei den Progressiven, weil sie sich eine zusammenhängende historische Frontlinie aller Unterdrückten wünschen, 5. bei den Religionshassern, sie finden in den Hexen bequem verfügbare Kronzeugen gegen die Religion überhaupt. Und es gibt bestimmt noch etliche weitere Hexenfanclubs. Die Hexen dienen ungefragt als eine wirklich multifunktionale Truppe in vielen Geisterheeren. Es tut mir leid, wenn das ironisch klingt oder gar zynisch. Das möchte ich wirklich nicht!

Die Wissenschaftlerin Rita Voltmer kritisiert die meisten populären Vorstellungen von Hexen als "mythoman". Es könnte sein, dass auch mein Hexenverständnis unter das Verdikt der Mythomanie gerät, aber erst ein paar Abschnitte weiter unten. Anders als dem Publikum und anders auch als der Wissenschaft sind mir die Hexen lieb und wichtig: Weil Rahab (die mit der roten Schnur) im Stammbaum Jesu steht und weil ich in den Hexenverfolgungen einen Schlüssel zum Verständnis der Neuzeit vermute, aber diesen noch nicht gefunden habe.

Ein frischer, kleiner Wasserfall in einem parkartigen Gelände in Salvador da Bahia, Brasilien. Süßwasser und insbesondere Wasserfälle gehören im Candomblé zur Göttin Oxum. Sie ist zugleich die Göttin der Schönheit und der Harmonie.

Wasserfall in Salvador da Bahia mit Opferhaus

Im klassischen römischen Pantheon wäre das die Venus, im griechischen die Aphrodite, im germanischen die Freya. Sehen Sie da oben neben dem Wasserfall das kleine Götterhäuschen? Wenn man da hochklettert findet man vor dem Häuschen die Opfergaben.

Insekt-Hexe-02_opferhaeusle-im-park_Foto-Harald-Kuestermann

Bild 2: Opferteller und Kerzen vor dem Tempelchen am Wasserfall

Ein Teller mit Essen, ein paar abgebrannte Kerzen, die großen Blätter gehörten wohl zur Deco oder waren die Naturteller für eine ältere, schon vergangene Opfermahlzeit. Die Gläubigen, die diese Opfergaben hier abgelegt haben, möchten ihr eigenes Leben verknüpfen mit der schönen, harmonischen, liebevollen Energie dieses Ortes. Bis dahin könnte jeder Tourist kommen und schöne, idyllische, exotische Fotos machen.

Geht man hinter den park-artigen Anlagen etwas tiefer in den Wald, wo es düster wird und gefährlich, dann gibt es da ganz andere Stellen.

Ein hohler Baum

Ein hohler Baum liegt schräg über den Pfad. Wenn ein Baumstamm hohl ist, bietet er sich an als Wohnung für andere Wesen. Da ist dann nicht nur das pflanzliche Lebewesen "Baum" mit seiner Lebensenergie, sondern da ist noch ein anderer Abzweig vom großen Strom aller Lebensenergien mit im Spiel. Der Hohlraum signalisiert eine andere Energie, die da zugange ist. Der schöne Wasserfall sagte: Hier wohnt die Oxum. Diese andere Naturszene dagegen sagt: Hier wohnt ein Geist, der den Weg versperrt, denn der hohle Baumstamm hat sich schräg über den Pfad gelegt. Wer da ein Opfer niederlegt sucht einen anderen Anschluss. Mit diesem Opferteller wird eine andere Kraft angezapft.

Opferteller im hohlen--- Baum

Im Opferteller liegt eine Hühnerklaue und ein Flügel. Die andere Klaue liegt davon getrennt außerhalb des Tellers direkt in der Höhlung des Baumes. Der zweite abgerissene Flügel - nicht fotografiert - lag unten auf dem Waldboden, neben dem Pfad. Die paarweisen Fortbewegungsorgane des Huhnes sind getrennt voneinander, das bedeuted die Fortbewegung wird unmöglich gemacht. Die Wege des Opfers sind gestört, versperrt, zerrissen. Im Teller befindet sich eine Brühe aus dem Blut des Huhnes, vielleicht mit weiteren Zutaten. Und in dieser Blutbrühe hängen Zettelchen mit Namen. Die zerrissenen Wege des Huhnes sollen sich auf diese Namen übertragen. Das Vorankommen der benannten Menschen soll zerstört werden. Denen soll es gehen wie diesem Huhn. Das ist der böse Wunsch, der hier installiert wurde.

Insekt-Hexe-04_opferbaum-a4-a4-ed2_Foto-Harald-Kuestermann

Bild 4: Hühnerteile und Opferteller

Der Körper des Huhnes steckt auf einem Ast des hohlen Baumes. Der Kopf des Huhnes fehlt, damit wurden dann wohl andere Sachen gemacht.

Ein hohler Baum

Wie das Ritual dieses Opfers ablief weiß ich nicht, und welche Anrufungen dabei gesungen wurden auch nicht. Ich habe nur die Relikte davon im Wald gefunden. Aber der Ort und die Relikte sind deutlich genug, so dass ich mir mit der Interpretation ziemlich sicher bin. Diese Installation im Wald bei Salvador da Bahia ist mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Angriff auf die Menschen, deren Namen auf den Zetteln im Hühnerblut hängen.

Ich will den Menschen, der dieses Ritual in Auftrag gegeben hat, nicht beurteilen. Vielleicht stehen auf den Zetteln die Namen von bösen Leuten, ich phantasiere mal: von einem fiesen Chef, der seine Arbeiter drangsaliert, oder von einer Meute von heimtückischen Konkurrenten, die einen Mitbewerber fertig machen. Dann wäre der Auftraggeber dieses Rituals selber das Opfer dort draußen, außerhalb des Waldes, im "realen" Leben und das Ritual wäre ein Akt seiner Notwehr. Es könnte aber auch ganz anders sein, ich phantasiere andersrum: Es könnte ein boshafter und hinterhältiger Auftraggeber sein, der seine unschuldigen Mitmenschen mit allen Mitteln bekämpft. Dann wäre er der Aggressor.

Wir kennen die soziale Situation nicht, in der dieser rituelle Hass agiert. Aber dass da Hass und böse Wünsche in Szene gesetzt wurden, ist sehr wahrscheinlich.

Ich will auch das religiöse Fachpersonal nicht beurteilen, den Priester oder die Priesterin, die dieses Ritual durchgeführt haben. Ich weiß nicht, ob die das nur für Geld gemacht haben (skrupelos), oder ob sie mit rituellen Mitteln Hilfe leisten wollten für einen angegriffenen Mitmenschen (hilfsbereit). Ich missbillige was da getan wurde, aus der Sorge dass dieses Aktivieren des Bösen immer nur neues Böses nach sich zieht. Und ich mache mir auch Sorgen um so eine Kultur, in der anscheinend die Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit auf offiziellen Wegen keine Chance hat, sondern stattdessen pure Machtkämpfe im finstern Walde ausgetragen werden. Aber es geht hier nicht darum, mit den Teilzeitpriestern von Salvador da Bahia zu diskutieren. Eigentlich brauche ich meine alten Fotos aus Brasilien nur, um eine wichtige Unterscheidung in Hexenfragen verständlich zu machen.

Die Unterscheidung

Was hier gezeigt wurde, ist ein klassischer Schadenzauber, also der Wunsch jemandem zu schaden mit magischen Kampf-Mitteln. Diese Art von ritueller Aggressionsausübung kam in irgendwelchen Varianten wohl im ganzen Mittelalter vor und in der ganzen Antike und vielleicht auch schon in der Steinzeit. Derartige Rituale gibt es wahrscheinlich in allen Kulturen, die zeitlich, oder geographisch oder bildungsmäßig außerhalb der Reichweite unserer materialistischen, objektivistischen, wissenschaftlichen Kultur liegen. Und jetzt kommt die wichtige Unterscheidung: Diese Art von Ritual ist nicht der Grund für die großen Hexenverfolgungen der frühen Neuzeit!

Wenn es um's Thema Hexen geht, dann laufen in den Vorstellungen und Diskussionen mehrere Konfliktlinien durcheinander: Die Konfliktlinie zwischen Wissenschaft und Aberglaube, die Konfliktlinie zwischen Christentum und Heidentum, die Konfliktlinie zwischen Kirche und Katharern, die Konliktlinien zwischen den christlichen Konfessionen. Jede dieser Konfliktlinien hat eine eigene Macht und eine eigene Berechtigung. Um sie aufzuarbeiten, müssen sie voneinander unterschieden werden. Das Trauma der großen Hexenverfolgungen erfordert eine sorgfältige Aufarbeitung, ohne dabei die anderen Traumata zu verdecken. Die großen Hexenverfolgungen der frühen Neuzeit sind eine andere und sehr viel mehr Besorgnis erregende Sache als aller "Aberglaube" des Mittelalters und als alle heidnischen Religionen. Was irgendwo in der Frührenaissance geistig vorbereitet wurde und sich im 16. und 17.Jahrhundert dann abspielte, war etwas neues und etwas ungeheuerliches, dessen Ursprung bis heute nicht wirklich entschlüsselt ist.

Bis vor einigen Jahrzehnten wurden auch noch in der Wissenschaft die großen Hexenverfolgungen in einen Topf geworfen mit allen Sorten von mittelalterlichem Aberglauben bzw. heidnischen Religionen, dreimal umgerührt, noch eine Kröte dazu und fertig ist die Brühe. Nein, nicht so grob, sondern es war einfach schwierig, die Linien zu sortieren. In meiner Studentenzeit gab es durchaus anspruchsvolle, wissenschaftliche Bücher von Claudia Honegger (1979), die zumindest schon mal die Hexen aus dem Mittelalter in die Neuzeit gehievt hatte, und von Gunnar Heinsohn und Otto Steiger, die die Hexenverfolgungen interpretierten als eine Aktion gegen das Verhütungswissen von Hebammen, usw.. "Die Vernichtung der weisen Frauen"(1985) hieß das Buch. Das war schon viel besser als die Krötenbrühe, aber immer noch ein Stochern im Nebel. Es hätte wohl schon weitere Forschungen von Richard Kieckhefer und Norman Cohn gegeben, die aber nicht zu mir vorgedrungen waren.

Je mehr dann die Quellen erforscht wurden, je mehr Unterlagen aus den Prozessprotokollen nachgelesen und ausgewertet wurden, desto mehr veränderte sich das Bild. In den Folterverhören hatten die Hexenjäger offensichtlich schon klare Vorstellungen, was als Geständnis herauskommen sollte. Und die Angeklagten wurden solange gefoltert, bis das herauskam. Das vermeintliche Wissen der Hexenjäger, was eine Hexe sei und was sie so treibe, stammte nicht aus den Begegnungen und Nachforschungen im finstern Walde, sondern aus den Büchern der Hexentheoretiker. Die "kumulative Hexentheorie", so nennen das die Historiker, war eine Art von Ideologie, ein ausgeklügeltes Hirngespinst. In der Westschweiz waren Hexenprozesse nach solchen vorgefertigten Theorien geführt worden und diese Art der Hexenverfolgung verbreitete sich in die deutschsprachigen Gebiete. Über die Ursprünge der Hexentheorie wird noch geforscht. Norditalien wäre interessant, weil es das kulturell und wirtschaftliche am weitesten entwickelte Gebiet jener Zeit war. Aus Norditalien stammen auch die frühkapitalistischen Entwicklungen, aber das würde hier jetzt zu weit führen.

Zu den Vorstellungen der Hexentheoretiker gehörte der Ritt auf einem Besen oder einer Gabel durch die Lüfte, dann der große Hexentanz zum Beispiel auf dem Blocksberg. Das war natürlich sehr schön für die Hexenjäger, denn wenn die Hexen sich treffen, dann muss ja jede Teilnehmerin dort irgendwelche anderen Hexen gesehen haben. Die Namen der anderen kann man aus ihr herausfoltern. Das führt zu weiteren Verhaftungen, zu weiteren Folterverhören, zu weiteren Namen. Und dann ist die Lawine am Rollen. Durch das ganze Mittelalter hatte die Einschätzung gegolten, dass der Hexenritt durch die Lüfte nur in der Einbildung stattfinden würde. Der Hexenritt mit der anschließenden großen Orgie wurde als Halluzination eingeschätzt, ob durch giftige Kräuter hervorgerufen oder durch böse Geister, könnte man diskutieren. Aber im Mittelalter konnte man nicht eine Hexe nach dem Erwachen befragen: Wem bist du dort begegnet? Denn sie war nirgends gewesen, außer in ihrer Phantasie, in ihren Halluzinationen, in ihrem Rausch. So war die offizielle, rechtsgültige Einschätzung wohl im ganzen Mittelalter. Diese Einschätzung war festgeschrieben im Canon Episcopi, einer wichtigen Rechtssammlung.

Die neuen Hexenjäger in der frühen Neuzeit glaubten dagegen, der Hexenritt samt Hexentanz würde körperlich, materiell stattfinden und das war der folgenreichste Unterschied zu früheren Zeiten.

Die folgenden Graphiken zeigen die Statistik der Hexenprozesse in verschiedenen Regionen. Diese Auswertungen stammen aus unterschiedlichen Quellen aber führen doch zum selben Ergebnis. Die roten Markierungen und Flächen wurden von mir eingefügt.

Diagramm Hexenanklagen im Herzogtum Westfalen 1508–1732
Diagramm Hexenanklagen in Coburg

Das Diagramm zu den Verfolgungswellen in Coburg stammt von der Seite "hexen-franken.de" . Herzlichen Dank an Birke Grießhammer für die freundliche Genehmigung, es hier zu verwenden.

Diagramm Hexenanklagen in Eichstaett 1532-1723
Diagramm Hexenanklagen in Thueringen

Diagramme zu Hexenprozessen in verschiedenen Regionen. Die roten Texte und Markierungen wurden eingefügt

Hexenverfolgungen sind eine moderne Erscheinung

Die regionalen Auswertungen der Hexenprozesse zeigen übereinstimmend, dass es sich um einige große Verfolgungswellen handelt,die in den deutschen Regionen alle im 16. und 17. Jahrhundert liegen. Diese großen Lawinen sind deutlich anders als die nur sehr vereinzelt vorkommenden Fälle im Mittelalter. Einzelne Berichte von angeblichen Massenverfolgungen im Mittelalter, die in älteren Forschungen immer weitergegeben worden waren, erwiesen sich bei genauerer Untersuchung der Quellen als Fälschungen. Da hatten Schriftsteller ihre Vorurteile zurückprojeziert in frühere Jahrhunderte und die Geschichtsschreibung war lange darauf herein gefallen. Nicht im Mittelalter, sondern in der Neuzeit wurden massenweise Menschen als angebliche Hexen verbrannt. Das ergeben die Untersuchungen der letzten Jahrzehnte. Dies ist ein anderes Bild, als jener Wissenschaftsstand der Achtziger Jahre.

Keine Hebammen, keine Kräuterweiblein, keine alte Religion?

Bei den neuzeitlichen Prozesslawinen ging es nicht mehr darum, ob die Angeklagte irgendwem einen Hexenschuss angehext hatte. Solche Fragen waren jetzt nur noch das Vorspiel zum eigentlich interessanten Teil: Wen hast Du beim Hexentanz getroffen? Das war die wichtige Frage. Ob eine Frau irgendwelche Heilkräuter kannte, oder vielleicht sogar eine Anrufungsformel für eine heidnische Göttin, oder ein altes Zauber-Ritual, das wäre für die neuen Hexenjäger höchstens noch ein "nice to have" gewesen, vielleicht nicht einmal das. Was nicht ins Schema passte war uninteressant oder gar störend, auf jeden Fall war es nicht mehr wesentlich für den weiteren Prozessverlauf.

Es war eine neue Zeit angebrochen. Wer einem anderen Menschen schaden wollte, brauchte dafür kein Hühnerblut und keine Hühnerklaue. Viel effektiver war eine kleine Anzeige. Zum Beispiel so: Nach einem Hochzeitsgelage in Esslingen haben mehrere (ungenannt bleibende) Gäste behauptet, sie hätten eine Frau auf dem Dach spazieren gehen sehen und als man sie suchte, sei sie plötzlich verschwunden gewesen, stattdessen sei eine schwarze Katze durch's Fenster herein gesprungen. Berchta Bul war die Verdächtige, denn sie war einer Einladung nicht gefolgt. Das passte ins Schema. Die Anzeige wirkte. Berchta Bul wurde verhaftet. Vom 13. August 1562 an war sie vier Monate in Haft und wurde mehrfach gefoltert. Nur weil sie in allen Torturen standhaft blieb, und auch keine weiteren Zeugen gegen sie auftauchten, wurde sie am 16. Dezember schließlich frei gelassen. schwarzer Rabe Der Wundarzt Georg Funk aus Tübingen könnte der Denunzianten-Anstifter beim Festgelage gewesen sein. Die traditionelle Erklärung, Berchta Bul sei mit ihrer Heilkunde eine Konkurrentin im medizinischen Geschäft gewesen, scheint naheliegend, aber nur bei oberflächlicher Lektüre der Prozessakten. Die Stichworte "heilkundig" und "Wundarzt" würden gut in die alte Erklärungsweise passen. Beim genaueren Hinsehen ging es dem Wundarzt aber viel eher darum, seinen neu erfundenen Hexen-Test-Trank auszuprobieren. Er hatte Berchta Bul zu diesem Test eingeladen. Als der Test später mit der Verhafteten nicht funktionierte, verlor er wohl das Interesse am Prozess. Berchta Bul war als unfreiwillige Testperson in sein Forschungs-Visier geraten.
Genaueres dazu gibt es bei Elmar Lorey: Die "Wahrheitsdroge" im Hexenprozess?, dort im Abschnitt 3 "Der Esslinger Fall von 1562". Lorey bezieht sich auf Karl Paff: Die Hexenprozesse zu Eßlingen im 16. und 17. Jahrhundert. In: Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte (ZDtKG) Bd 1, 1856, S.257f..

Viele Akteure mit unterschiedlichen Interessen

Die Hexenjagden des 16. Jahrhunderts waren intrigante Machtkämpfe, an denen sich unterschiedliche Akteure beteiligten:
Der Landesherr wenn er seine Untertanen disziplinieren wollte,
die kleinen Leute wenn sie wütend waren auf die Missernte oder auf die Nachbarn,
die Geistlichkeit wenn sie mit Hetzpredigten Beifall ernten konnte,
die Juristen wenn sie mit Hexenprozessen Karriere machen konnten,
Die Mischungsverhältnisse der Aggression waren von Ort zu Ort unterschiedlich.

Das böse Spiel mit der Angst

Bei diesen neuen Hexenjagden konnte jede und jeder zum Opfer werden, egal wie christlich, egal wie heidnisch, egal wie "bezaubernd", egal wie hexerisch, egal wie unschuldig jemand sein mochte. Die alten Hexereivorwürfe waren nur noch Teil einer verfügbaren Schablone, mit deren Hilfe fast jede beliebige Person zur Zielscheibe gemacht werden konnte. Die kollektive Aggression beruhigte sich nicht mehr am geopferten Sündenbock, sondern die im Verfahren ausgeübte Brutalität verstärkte die Mischung aus Angst und Hass, weil jede*r der nächste Sündenbock sein konnte. Die Angst vor den Hexen und die Angst, selber zur Hexe gemacht zu werden, gingen ineinander über und waren von außen kaum noch unterscheidbar.

Katholisches Hochstift oder evangelische Handelsstadt

Im katholischen Hochstift Bamberg wurden wohlhabende Bürger verbrannt, solange das Hochstift das Eigentum der Hingerichteten bekam. In den "Spitzenjahren" 1612/1613 und 1617/1618 wurden in diesem kleinen Territorium 300 Menschen verbrannt, insgesamt starben dort rund 1000 Menschen wegen angeblicher Hexerei. Ähnlich wütete der Wahn in Würzburg und Eichstätt sowie in Kurmainz und Ellwangen. Der Brief des Bamberger Bürgermeisters Johannes Junius ist sehr lesenswert. Dieser Bürgermeister ist der Gejagte.

In der evangelischen Stadt Lemgo ist Bürgermeister Cothmann der Jäger und agiert genauso brutal wie die katholischen Hochstifte. Und Cothmann wird von den "freien" Bürgern Lemgos immer wieder gewählt, wahrscheinlich aus Angst. Ob aus Angst vor Hexerei oder aus Angst vor Cothmann ist die Frage. Denn die Wahlen sind öffentlich, Cothmann sieht, wer gegen ihn stimmt. Vom Ratsherren Hilmar Kuckuck, Stellvertreter des Bürgermeisters, ist das Zitat überliefert: "Wir müssen noch 14 Personen weghaben, ehe wir aufhören. Sonst kriegen wir selbst einen Prozess an den Hals." Die Hexerei-Anklagen waren hier hauptsächlich blutige Macht-Politik.

Ist das Gruseln ein Instrument der Jäger, oder sind die Jäger Instrumente des Grusels?

Alle Gruselgeschichten von den bösen Hexen sind in dieser neuen Zeit vielleicht nur noch Stimulatoren zum weiteren Anheizen von Angst und Hass. Ihr Inhalt ist nur noch ein Schema. Und die Protokolle der Folterverhöre werden zur Fortsetzung der Gruselgeschichten. Das Prozess-Schema - die Hexenjäger-Ideologie - lässt sich zurückverfolgen bis in die Westschweiz. Eventuell gibt es Vorformen davon in Norditalien.

Hirngespinst nach Clifford Geertz

Je mehr Quellen ausgewertet werden, desto stärker tritt die Unterscheidung zutage, die Unterscheidung zwischen alter, religiöser Hexenvorstellung und frühneuzeitlichem Hexenwahn, genauer gesagt Hexenjägerwahn, denn die Jäger waren die Wahnsinnigen. Das Wort Wahn ist hier nicht als Bezeichnung einer individuellen Geisteskrankheit gemeint, sondern eher im Sinne des Anthropologen Clifford Geertz. Geertz schreibt: "... der Mensch ist ein Tier, das in selbst gesponnenen Bedeutungsgeweben lebt. Diese Gewebe heißen Kultur." Kultur ist ein harmloseres Wort für Wahn. Welche dieser Bedeutungsgewebe den Menschen gut tun und welche mörderisch werden, ist eine große Frage. Der Glaube mancher Menschen, sie würden ohne irgendein Gespinnst direkt in der "Wirklichkeit" leben, ist eben auch nur ein Glaube, alias Gespinnst, und die Wissenschaft spinnt mit.

Nicht nur die mitmenschliche Moral, sondern die gemeinsame Wirklichkeit ging in der frühen Neuzeit verloren. Die Gesellschaft soll korrigierend eingreifen, wenn ein Einzelner sich unmoralisch oder gar kriminell verhält. Das gute Miteinander ist ein großer Teil der Kultur. Weniger bewusst ist vielen Menschen, dass nicht nur das Tun, sondern auch die Wahrnehmung gesellschaftlich gestaltet wird. Die Gesellschaft hilft dem Einzelnen zurecht nicht nur wenn er sich "falsch" verhält, sondern auch wenn er die Wirklichkeit "falsch" wahrnimmt. Gemeinsam wird das Bild von Wirklichkeit gestaltet. Diese Gemeinsamkeit ist ein Balance-Akt. Wenn ein Einzelner Gespenster sieht und Stimmen hört, die von den anderen nicht wahrgenommen werden, wie geht dann die Gesellschaft damit um? Nutzen wir die abweichende Wahrnehmung als Prophetie, als Erweiterung der eigenen Wahrnehmung in fremde Welten? Oder verbieten wir dem Spinner, der Spinnerin davon zu reden? Machen wir den zum Schamanen oder schicken wir ihn zum Psychiater? Welche Erzählungen von anderen Welten lassen wir uns gefallen, zur Unterhaltung, zur Orientierung, zum Gruseln? Die Frage ist weder harmlos noch egal. Wurde eine Krankheit durch Hexerei gemacht? Stammt das Unwetter aus dem Kochtopf böser Menschen? Die Aussage der Verdächtigen kann falsch sein oder wahr. Wie soll die Gesellschaft das entscheiden? Nach welchem Beweisverfahren wird festgestellt, was wirklich ist? Nicht nur für die Rechtsprechung ist gemeinsam gültige Wirklichkeit unerlässlich, sondern auch die Psyche der Menschen braucht eine vertrauenswürdige Grenze gegen das Überborden der Gefühle und Phantasien. Die Gesellschaft der frühen Neuzeit wusste nicht mehr, was wirklich ist. Unsere heutige Sicht von Wirklichkeit den damaligen Menschen nahezulegen, ist als würden wir dem Schreiner damals sagen: Nimm doch die elektrische Bohrmaschine.

Zwei Fäden sind unterschieden

Die Bilder von den Hühnerklauen im Wald von Salvador da Bahia könnten sich so oder so ähnlich in fast jeder Kultur und fast jeder Zeit abspielen, und die Angst vor Schadenzauber findet sich in fast allen Kulturen, aber die modernen Hexenjagden bilden eine neue Qualität. Die Arbeit der Wissenschaft hat in den letzten Jahrzehnten diesen Unterschied deutlich gemacht, aber die Kluft zu den Hexenbildern in der populären Kultur zeigt, dass beide "Schichten", die mittelalterliche und die neuzeitliche, nach wie vor virulent sind. Die Wissenschaftler*innen beklagen zurecht die Kluft zwischen ihren Erkenntnissen und den populären Hexenbildern. Die Mythomanien behaupten sich zählebig gegen das wissenschaftliche Bild der Hexenverfolgungen. Vielleicht steht hinter dieser Zählebigkeit doch mehr als nur ein Mangel an Bildung.

Die pure Kenntnis des wissenschaftlichen Forschungsstandes reicht offenbar nicht aus, die verschiedenen Arten des Wahns - hier sind jetzt die Mythomanien gemeint - aufzulösen. Die Entwirrung der Linien ist dank der Wissenschaft ein paar Schritte vorangekommen, aber zuviele Konfliktlinien sind noch ineinander verwoben, zuviele Traumata noch ungeheilt. Insbesondere die weit verbreiteten Vorurteile gegen das Mittelalter stehen einer Aufklärung über die Neuzeit im Wege.

Es gab keine Hexen?

Führt man den Faden der wissenschaftlichen Hexenforschung zu Ende, dann gab es keine Hexen, sondern nur Verleumdungsopfer. Wer bei den großen Verfolgungswellen auf dem Scheiterhaufen endete, hatte vorher mit keiner Form von Hexerei irgendetwas am Hut gehabt. Demnach wäre Hexerei nur eine Fiktion in den Köpfen der Hexenjäger. Für die allermeisten Opfer und für die allermeisten Täter*innen im 16. und 17. Jahrhundert mag das so stimmen. Die Wissenschaft erzeugt eine hexenfreie Welt. Das ist ein Angriff nach mindestens zwei Seiten: Sowohl auf die Denkwelt der Hexenverfolger, als auch auf die Denkwelt derer, die vielleicht Hexen sein wollen oder wollten. Nicht geklärt ist die ältere, vor-neuzeitliche Konfliktlinie von Schadenzauber und der Angst davor, auch noch nicht so ganz die Entstehung der Fiktion in den Köpfen der Hexenjäger und noch weniger geklärt ist die Kraft der heute fortdauernden Mythomanien.

Die erstaunliche Hexenfreiheit des Mittelalters

Nur sehr vereinzelt waren im Mittelalter Hexen verbrannt worden. Wenn aber schon längst im Mittelalter die "Aufklärung" gelungen war, Hexenreiterei sei nur eine Halluzination, woher kommt dann der Rückfall in frühere, vor-mittelalterliche Ängste? Die Jahrhunderte des Mittelalters hatten schon viele Arten von Aberglauben - oder was moderne Menschen dafür halten - stabil in der Kultur, in der Psyche und im Rechtssystem verpackt, bzw. eingesponnen. Wie konnte diese Stabilität verloren gehen? Griechische und römische, keltische und germanische Gruselgeschichten samt ihren heidnisch-magischen Ritualen hatte das angeblich finstere Mittelalter in seine christliche Religion integriert. Wie machten die das ohne Scheiterhaufen? Auch ohne moderne, naturwissenschaftliche Weltsicht, hatte das Mittelalter erstaunlich viel Imunität bewiesen gegen jedwede Hexenangst. Woraus entstand diese alte Imunität? Und woraus der neue Virus? An welcher Stelle der Geschichte wurde die mittelalterliche Stabilität über Bord geworfen? Jede wissenschaftliche Erklärung der Hexenverfolgungen taugt nur etwas, wenn sie die weitgehende Nicht-Verfolgung von Hexen im Mittelalter miterklärt.

Diagramm Kleine-Eiszeit, rekonstruierte Temperaturen im Vergleich einiger Methoden, ccbysa Robert A. Rohde

Diagramm: Kleine Eiszeit. Mit verschiedenen Methoden rekonstruierte Temperaturen. Robert A.Rohde cc-by-sa

Die klimatische Erklärung

Die sogenannte kleine Eiszeit bereitete der frühneuzeitlichen Landwirtschaft erhebliche Probleme. Die mit ihr einhergehenden Teuerungen und Hungerjahre sind tatsächlich eine wichtige wirtschaftliche Ursache für die großen Wellen der Hexenverfolgungen. Und es waren nicht nur "wirtschaftliche" Probleme im modernen Sinne, sondern das Klima wurde damals als Teil der göttlichen Weltordnung erlebt, entsprechend apokalyptisch waren die Ängste, die von der kleinen Eiszeit ausgelöst wurden. Diese Klimaschwankungen erklären zwar die blank liegenden Nerven der Bevölkerung. Die Wettereinbrüche und Missernten waren sicher ein Antrieb für die Suche nach Sündenböcken, aber all das wurde erst Ende des 16.Jahrhunderts bedrohlich. Selbst die frühen Ausläufer der kleinen Eiszeit um 1470 n.Chr. können nicht als Ursache für den Hexen-Wahn gelten. Diese Kälteeinbrüche kommen erst eine Generation nach den frühen Hexentheoretikern: Claude Tholosan, Ut magorum et maleficiorum errores (1436), Ponce de Feugeyron, Errores Gazariorum (1436/37), Johannes Nider, Formicarius (1437), Alfonso Tostatus, De maleficis mulieribus, que vulgariter dicuntur bruxas (1440). Das geistige Gift war schon gebraut Jahrzehnte bevor die Unwetter und Hagelstürme einsetzten.

Die Macht der Mythomanen

Irgendwie hilflos wirkt die Klage der Wissenschaft über ihre eigene Wirkungslosigkeit und rätselhaft erscheint ihr das Fortwirken längst widerlegter Theorien. Andere Bedürfnisse als das nach historischer Richtigkeit scheinen bei großen Teilen des Publikums vorzuherrschen. Nehmen wir dies als Signal für die Unvollständigkeit der wissenschaftlichen Behandlung des Hexenthemas.
Foto Margaret Murray 1928
Die Theorie von Margaret Murray zum Beispiel galt der Wissenschaft von Anfang an als eine eher romanhafte Wendung zu James George Frazer's religionsgeschichtlichem Werk "Der goldene Zweig". Nach Meinung der Wissenschaft hätte Margaret Murray einfach untergehen müssen im Strom der Forschungsgeschichte. Sie schwimmt aber oben, auf einem anderen Strom. Obwohl wissenschaftlich unhaltbar, wurde Murray's Theorie prägend für die Gründung neopaganer Organisationen, die sich mit allem Ernst als Nachfolger der von Murray behaupteten Hexenreligion sehen. Weder in der Antike noch im Mittelalter existierte diese Hexenorganisation, aber die nach Murray's Gespinst gebildeten Realisierungen gehören - nicht in Europa, sondern in Amerika - zu den wachsenden Neu-Religionen. Woher kommt das religiöse Potential einer Theorie? Und welche Rolle spielt dabei die Wahrheit? Hat die Wissenschaft das Monopol auf die Wahrheit, wie früher die großen Religionen?

Margaret Murray meinte eine Religion der Vergangenheit zu beschreiben. Mit ihrer sehr engen Auswahl von historischen Quellen sieht sie in der Vergangenheit eine Hexenzunft samt Ritualen, Festkalender und Organisationsstruktur. So ähnlich hatten die Hexentheoretiker der Frührennaissance das auch gemacht. Die Hexenjäger zeichneten ein Feindbild für ihre Gegenwart. Murray malte sich ihren Wunschtraum von der Vergangenheit. Dabei gestalten sie ihre jeweiligen Bilder auf ganz ähnliche Art. Die Negativ-Phantasien der Hexenjäger, was sie als böse und gruselig beschrieben, übernimmt Murray und vertauscht deren Bewertung. Murray's Rezept enthält neben den Ideen der Hexenjäger etliche Zutaten aus der religionsgeschichtlichen Forschung von James Frazer, dazu eine wohl britische Lust am Abgründigen, und vielleicht auch eine größere Portion Hass auf die Nichtanerkennung ihrer ägyptologischen Arbeit. Vor allem aber ergreift sie Partei für die Verfolgten und Verbrannten. Das wäre moralisch sehr zu loben, wenn sie dabei den Verfolgten und Verbrannten nicht ihre eigenen Phantasien unterstellen würde. Aber Murray trifft mit ihrem Wunschgebilde anscheinend sehr genau die Wünsche anderer moderner Menschen. Die Vergangenheit war zwar nicht so, wie von Murray beschrieben, aber die gegenwärtigen Wicca-Kulte formen sich weitgehend nach ihren Theorien und adoptieren diese erfundene Vergangenheit als ihre vermeintlich wahre Herkunft. Jetzt gibt es sie ganz real, die Hexenzunft. Egal wie gut die Wissenschaft Murray widerlegt, der Glaube der Wicca-Anhänger*innen ist stärker.

Bewusst und organisiert

Von meiner Oma in einem Dorf im Nordschwarzwald habe ich als Kind den folgenden Spruch gelernt:

Hobbe, hobbe, Ressle,
z'Schdurgard schdoht a Schlessle,
z'Schdurgard schdoht a Doggehaus,
do guggat drei Mariele raus.
Die oa schbennd seidhär.
Die ander schbennd weider.
Die dridde draid an rauda Rogg
un reided uff am Zoddelbock.

Versuch einer Übersetzung: Spring, spring Rösslein, zu Stuttgart steht ein Schlösslein, zu Stuttgart steht ein Puppenhaus, da gucken drei kleine Marien raus. Die eine spinnt seither. Die andere spinnt weiter. Die Dritte trägt ein rotes Kleid und reitet auf einem zotteligen Ziegenbock.

Die von meiner Oma gelernte Form erscheint mir besser als die in Stuttgart bekannte: Da heißt es nur "Nonnenhaus", bei meiner Oma lernte ich "Dockenhaus". Eine Docke ist eine Puppe, ein Kinderspielzeug, oder darf ich weiter spinnen: eine Zauberpuppe, oder vielleicht könnte es auch eine kleine Statue sein, eine Götterstatue? Gibt es nicht in Stuttgart eine Stelle, die Doggenburg heißt? Ich weiß nichts darüber, es ist nur eine Etymogelei meinerseits, ein Gespinst.

Hätte ich sie damals fragen können: "Liebe Oma, welche Art von matriarchaler Dreiheit meinst Du mit diesem Vers? Nimmst Du etwa teil am Matronenkult oder redest Du von den Nornen oder gehörst Du zu einer Mysterienreligion?" Dann hätte meine Oma mich völlig verständnislos angeguckt. Sie gehörte zu keinem Wicca-Coven und wusste nichts von Matriarchat, sondern ging Sonntags in die Kirche (evangelisch) und ab und zu in die "Stund'" (pietistisch). Es war einfach nur ein Kindervers, den sie ihren Enkeln weitergab. Bewusstheit und Organisation können manchmal wichtig sein, aber da liegt nicht unbedingt das religiöse Potential. Der breite Strom der Religion fließt größtenteils im Unbewussten und Inhalte haben ihre eigene Macht.

Insekt-Hexe-Koelner_Matronenstein_CIL_XIII_8216_2Jhh_ccby_inyucho from Holland

Bild: Matronenstein aus Köln. 2.Jahrhundert n.Chr. Da gucken drei Mariele raus.

Carlo Ginzburg und Wolfgang Behringer

Was liegt außerhalb aber in der Nähe der Hexenjäger-Ideologie? Der Flug zum Hexentanz hat Anschlüsse zu den Nachtfahrten des Chonrad Stoeckhlin, die Wolfgang Behringer erforscht hat. Aber diese Nachtfahrten wurden von Chonrad Stoeckhlin nicht entlang der Schablone erfoltert, sondern sie sind seine eigenen Erzählungen, die er für gut und richtig hielt. Behringer versteht die Nachtfahrten-Erzählungen als eine Bricollage, als eine Kombination von früheren Erzählungen aus dem Traditonsmaterial der alemannischen Walser (Walliser). Bezüge zu den Trance-Reisen im Schamanismus will Behringer nicht herstellen. Anders Carlo Ginzburg, der bei den Benandanti (Friaul, Italien) mit ihren nächtlichen Kämpfen auf den Feldern durchaus schamanistische Hintergründe sucht. Bei beiden handelt es sich um Quellen, die den Hexenjägern nicht so recht ins Schema passten, also tauchen darin wahrscheinlich echte, religiöse Inhalte auf. Sowohl Chonrad Stoeckhlin als auch die Benandanti meinen, in ihren Traum-Ausflügen gegen Hexen zu kämpfen und beide werden gegen ihre Selbsteinschätzung in den Verhören in das Hexen-Schema gezwungen. In solchen religiösen, wahrscheinlich heidnischen Traditionen gab es also Konfliktlinien, die quer zur christlich-heidnischen Konfliktlinie verliefen. Nicht nur die Traum-Fahrten dieser beiden Traditionen haben Ähnlichkeiten mit den Trance-Reisen der Schamanen, sondern auch die Tierverwandlungen sind sowohl bei den Hexenprozessen als auch bei den Schamanen wichtige Motive. Die aktuelle Hexenforschung, Wolfgang Behringer, scheut wohl vor dem Schamanismus-Bezug auch deshalb zurück, weil dort weitere Heerscharen der Esoterik über die Wissenschaft hereinbrechen könnten.

Das Religions-Modell

Eine Gemeinsamkeit von Margaret Murray, den Hexenverfolgern und auch von vielen Wissenschaftler*innen ist die Vorstellung, Religion sei greifbar als Bewusstheit und Organisation. Die christliche Kirche besteht laut dieser Vorstellung aus bewussten Glaubensinhalten und aus organisatorischen Strukturen. Und ebenso werden dann andere Religionen als Bewusstsein und Organisation verstanden.

Die Hexentheoretiker glaubten an eine hexerische Gegenkirche mit bösen Glaubensinhalten. Diese bösen Inhalte befänden sich auch im Bewusstsein der Hexenzunft-Mitglieder und die ganze Hexensekte sei eine Organisation mit hierarchischer Rollenverteilung und organisierten Festveranstaltungen.

Wahrscheinlich wurde dieses Bild einer bewussten, organisierten Gegen-Kirche aus den Katharer-Kriegen auf die Hexenverfolgung übertragen. Die Katharer (Bogomilen, Albigenser) hatten tatsächlich eine bewusste Lehre und sie hatten eine Art Priesterschaft, die "Perfecti" und sie verstanden sich selbst als eine andere, bessere Religion. Diese Gegenkirche war zumindest in Südfrankreich und in der Lombardei so gut organisiert, dass sie in regionale Diözesen gegliedert war und Synoden abhielt. Sie verteidigten ihren Glauben auch mit militärische Strukturen, führten also ordentliche Kriege mit dem Hauptqartier in der Festung Montsegur. Die Bekämpfung der Katharer war das Modell, oder zumindest ein Modell in den Köpfen der Hexentheoretiker. So etwas ähnliches wie die Katharer, so eine Gegenkirche, sei auch die Zunft der Hexen.

Margaret Murray behauptet, es habe eine organisierte Form des Hexentums gegeben und das entsprechende Bewusstsein ihrer Mitglieder, samt organisierter Weitergabe von Geheimwissen. Murray folgt damit dem Katharer-Modell der Hexentheoretiker und hängt damit fest im beschränkten Religionsbild ihrer Feinde.

Die Wissenschaft stellt gegen die Hexentheoretiker der frühen Neuzeit und auch gegen Murray fest, dass es so eine organisierte Hexengemeinschaft aus eingeschworenen Mitgliedern nicht gegeben habe und dass auch die als Hexen verbrannten Menschen von sich aus größtenteils nicht das Bewusstsein pflegten, Hexe zu sein. Hexen in diesem Sinne gab es nicht oder nur vereinzelt. Soweit hat die Wissenschaft wohl recht, aber das ist nur die eine Hälfte des Komplexes. Diese Wissenschaft macht die Verfolgten zu bloßen Opfern, zu bloßen Projektionsflächen für die Hexentheoretiker. Hinter den erfolterten Geständnissen die Religion der Opfer ausfindig zu machen ist vielleicht zu viel verlangt, aber da wäre wahrscheinlich die andere Hälfte des Hexenkomplexes. Was ist mit den Bildern, Symbolen, Ideen? Die Untersuchungen von Carlo Ginzburg und Wolfgang Behringer sind deshalb so interessant, weil sie verschiedene Arten von religiösem Leben außerhalb der organisierten Religion ausfindig machten. Welches Leben führen die Inhalte auch wenn gerade mal keine Organisation dahinter steht? Woher nahmen die Hexenverfolger ihr Ideen-Material und was war in welchen Bevölkerungsschichten als Gedanke, als Praxis, als irgendeine Form von Tradition vorhanden? Diese andere Hälfte des Hexenkomplexes steckt voller Fragen. Vielleicht stecken dort auch die Triebkräfte für die Hexenbilder in der populären Kultur.

Inhaltskeime

Jetzt stelle ich mich auf die Seite meiner Mythomanie: Inhalte können in minimalen Formen über sehr lange Zeiträume existieren, als eine Redewendung, ein Gedicht, eine Erzählung, ein Bild, ein Webmuster, ein körpersprachliches Memorandum, ein handwerklicher Griff, eine Sitte, ein Ritual, eine Melodie, ein Blumenstrauß. Die Form kann so minimal sein, dass sie sich der wissenschaftlichen Erfassung oder zumindest ihrer Beweisführung entzieht. Dennoch können ziemlich komplexe Inhalte in solcher Keimform transportiert werden. Solche Inhaltskeime können an unvermuteter Stelle wieder aufblühen, ohne dass die Linie ihrer Weitergabe bewiesen werden könnte, sogar ohne dass ein Bewusstsein davon existierte. Religion ist ein breiter Strom, von dem nur Weniges als Bewusstsein und Organisation in Erscheinung tritt. Begriffe wie "Unbewusstes" oder gar "kollektives Unbewusstes" sind der strengen Wissenschaft unangenehm, aber bilden manchmal eine angemessene Beschreibung. Wie lässt sich der Weg ebnen für ein Verstehen über die Schwellen der Wissenschaft hinaus? Religiös gesprochen: Inhalte haben eine eigene Macht, nämlich ihre Wahrheit, die nicht gut und edel zu sein braucht, sondern eine verstümmelte, verdrehte, verrückte Wahrheit sein kann. Die Schmerzen der Vergangenheit brauchen Heilung. Die Ungerechtigkeiten der Geschichte verlangen nach Richtigstellung. Bewusstsein und Organisation sind nur die Gestalten im Vordergrund, aber sie sind nicht die Wirklichkeit. Das Verdrängte dringt aus dem Hintergrund, aus dem Untergrund, aus dem Unbewussten in verkehrter Gestalt ans Licht, bis seine Wahrheit zum Bewusstsein kommt und anerkannt wird.

Die Frührennaissance als Hexenküche aus der die Wissenschaft entspringt

Ich meine, dass dieses spezielle Gespinnst, dieser Hexenjägerwahn, ein Prototyp gewesen sein könnte für den Kolonialismus, für den Stalinismus, für den Nationalsozialismus und für ich weiß nicht wieviele Ismen, an denen die Neuzeit keinen Mangel leidet. Die kumulative Hexentheorie wurzelt im selben Boden, stammt aus dem selben Konglomerat wie die Frührennaissance, der Frühkapitalismus, die vorrefomatorischen Bewegungen, und ebenso die neuzeitliche geschlechtsspezifische Körpersprache, und was das Heikelste ist: Auch die moderne Wissenschaft hat genau da ihre Wurzeln. Auch Scientismus ist ein Ismus. Wirksame Erkenntnis gibt es nur mit Selbsterkenntnis. Unsere Kultur und unsere Wissenschaft müssten auch ihren eigenen Gespinnst-Charakter wahrnehmen, um die Zugehörigkeit des Hexenjägerwahns zur Moderne zu verstehen, heilsam zu verstehen.

Martin Luther und die Hexen

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Sibirischer Schamanismus Die neuzeitlichen Beobachtungen zu dieser Art von Religion beginnen mit dem Reisebericht des Niederländers Nicolaas Witsen aus der Zeit um 1692 n.Chr.. In den folgenden Jahrhunderten kamen viele Berichte aus dem unter der Kolonialherrschaft der Zaren stehenden Sibirien. NOCH KEIN TEXT
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