Moderne Menschen des Westens hegen möglicherweise eine gewisse Geringachtung gegen die Kreisförmigkeit der Zeit, oder halten sie zumindest für nicht so dringend, dass daraus irgendeine Jenseitsvorstellung gebildet werden müsste, aber das Verständnis für das zyklische Zeitmodell kann die in so vielen Religionen vorkommenden Initiationsrituale erklären und zudem den Zugang zu den unterschiedlichsten Jenseitsvorstellungen zumindest erleichtern. Blumen auf den Gräbern und Kerzen vor den Bildern von Verstorbenen beschäftigen sich mit der Lücke. Die altägyptischen Pyramiden sind Totenkult, gestalterische Operationen im Jenseits, in der Duat, den Gedärmen der Himmelsgöttin. Der Schädelkult des Neolithikums und vieles andere wirkt etwas weniger abstrus, wenn das menschliche Leben nicht einfach linear und abgeschnitten von der Zeugung bis zum Sterben reicht. Auch die alte Textgattung der Jenseitsreise wird zugänglich mit diesem anderen Verständnis von Zeit. Ob zyklisches Zeitdenken darüber hinaus auch eine schützende Wirkung für die Biosphäre mit sich brächte, erscheint mir fraglich. Es mag sein, dass in östlichen Religionen und Kulturen das zyklische Zeitverständnis stärker vertreten ist, aber die Umweltzerstörung ist in China oder Indien deswegen nicht geringer.
Ob es überhaupt in einem menschlichen Gehirn ein einziges, richtiges und vollumfängliches Modell von Zeit geben kann, ist eine Frage. Selbst wenn das lineare Zeitverständnis das Wahre wäre, könnten wir uns selbst und unsere Geschichte nicht verstehen, ohne uns zumindest vertraut zu machen mit diesem anderen, dem urtümlichen, dem zyklischen Verständnis von Zeit, selbst wenn es ein irrtümliches wäre. Die Kulturgeschichte des Homo sapiens und die Seele jedes einzelnen unserer Gattung, erschließen sich dem Verstehen nur durch diese Horizonterweiterung in Sachen Zeit.
Über das Kultur- und Religions-Verständnis hinaus, könnte Zyklizität sogar ein wichtiges Element zum Verständnis von Wirklichkeit sein. Auffällig ist zumindest, dass in einigen der nach-mechanistischen Denkweisen Zyklizität in unterschiedlichen Formen als Abgrenzungsmerkmal gegenüber der mechanistischen Denkweise auftritt: Schon innerhalb der klassischen Physik ist die Wellenlehre eine auf zyklische Erscheinungen bezogene Kritik und Ergänzung zum mechanistischen Weltbild. In der Hermeneutik ist der hermeneutische Zirkel ein wichtiges Thema. Die Systemtheorie hat Rückkopplungsprozesse als zentralen Inhalt. Unabhängig davon, ob es für die Zyklizitäten der einzelnen Denkweisen eine zugrundeliegende Gemeinsamkeit gibt, folgen wir hier der Frage nach den Initiationsritualen.
Um von heutigen Religionen und ihren Initiationsriten ahnungsweise zurückzuschließen auf die Rituale der Steinzeit, muss der Gesamtstrom wahrgenommen werden. Das "Allgemeingut" der Religionen soll dabei keineswegs vermischt werden zu einer "Gesamt-Religion". Synkretismus ist ausdrücklich nicht das Ziel. Wahrscheinlich lässt sich aus den Gemeinsamkeiten heutiger Religionen auch keine Ur-Religion "herausfiltern", so als wäre das Ursprüngliche nur verunreinigt worden durch spätere Zutaten. Alle heutigen Formen von Religion sind durch ihre jeweiligen geschichtlichen Gestaltungsprozesse geformt worden. Alle haben ihre Traditionsströme teils erhalten, teils weiterentwickelt, teils aufgegeben. Aber wenn Initiationsrituale so mächtig in so vielen Religionen praktiziert und zu so vielen Ausläufern im Traditionsstrom weitergebildet wurde, dann darf eine gemeinsame Vorform dieser Rituale in früheren Zeiten doch angenommen und erahnt werden, auch wenn sie nicht mehr detailliert rekonstruiert werden kann.
Darf man den Menschen in der Steinzeit ein Zeitverständnis unterstellen? Das Denken in zyklischer Zeit sei das Natürlichste oder besser gesagt das Wahrscheinlichste, was frühen Menschen unterstellt werden darf. So sei hier die Hypothese. Schon beim Sammeln von Beeren und Früchten hilft es, den Zyklus von Knospe, Blüte und Frucht zu kennen. Den Zyklus des Jahres abschätzen zu können, ist ebenfalls gut für die Jagd auf die wandernden Herdentiere, um ihnen an den günstigen Stellen aufzulauern. Schon die Tiere "denken" im Jahreszyklus oder leben zumindest darin. Zugvögel und Lachse, Brunft und Tragezeit und Geburt, Herbstkätzchen und Frühlingskätzchen, Winterschlaf und Sommerhitze, alle Lebensprozesse sind in Zyklen organisiert. Sie nicht wahrzunehmen wäre eine seltsame Verdängungsleistung eines dann sehr ungesund arbeitenden Gehirns. Die weiterführende Frage ist: Wie haben die Epochen der Steinzeit ihr Zeitverständnis symbolisiert? Ist die Kombination von Mond- und Menstruations-Zyklus der Schlüssel zur Symbolisierung der Zeit?
Für den Homo schon bevor er zum "sapiens" wurde, dürfte der Tageszyklus das kleine Modell gewesen sein zum Verstehen der Welt. Die zeitliche Orientierung erwächst aus allen regelmäßigen Wiederholungen. Dies bildet nicht nur ein Grundmuster der Zeit. Sonnenaufgang und Sonnenuntergang bieten auch die Hauptpunkte für die räumliche Orientierung, besonders für die Bewegung in unbekanntem Gelände. In höheren Breiten wird neben dem Tageskreis auch der Jahreskreis eindrücklich erlebt.
Wenn die Übertragung vom Tag auf das Jahr schon den Ansatz zur Abstraktion des Kreises in den Gehirnen darstellt, dann ist es nicht mehr allzu weit, auch im eigenen menschlichen Leben die Phasen von Geburt, Erwachsenwerden, Altern und Sterben als Zyklus einzuordnen. Vielleicht spielt das zusammen mit Marie König‘s Beobachtungen an den paläolithischen Funden. Das Kugelförmige der Sphäroide, die Näpfe als Umkehrform dazu und die Höhle selbst als konkave Form könnten bedeutungstragend gewesen sein für dieses rundliche, zyklische, wiederkehrende Wesen der Weltläufe. Der Schädelkult, der in so vielen steinzeitlichen Kulturen getrieben wird, ist unter anderem die Fortsetzung dieses "Weltbildes" in die Formen des menschlichen Körpers hinein.
Um Mitglied einer Tempelgemeinschaft des afrobrasilianischen Candomble-Kultes zu werden, begibt sich der Initiand für mehrere Wochen in den Tempel, wird dort, völlig von der Außenwelt abgeschlossen in verdunkelten Räumen versorgt. In einer komplizierten Abfolge von Ritualen verliert er mehr und mehr den Sinn für die Wirklichkeit und gerät in einen geistigen Dämmerzustand, in dem die Grenzen zu halluzinatorischen Traumwelten durchlässig werden. Er muss rituelle Bäder in übel riechendem und wohl auch Rauschdrogen enthaltendem Kräutersud über sich ergehen lassen und es werden ihm genau vorgeschriebene Muster von Ritzwunden zugefügt. Alle Kopf- und Körperhaare werden ihm abgeschoren, damit er wieder "glatt wird, wie ein Neugeborenes". In der Schlussphase verliert der Initiand sowohl das Sprachvermögen, als auch die Fähigkeit seine Körperausscheidungen zu kontrollieren. Die Priesterinnen versorgen ihn wie ein kleines Baby. Er wird schließlich in einen noch stärker licht- und schallgedämmten Kasten gesteckt, wo er die letzte Stunden seiner Initiation verbringt, bis er unter Trommelmusik und Gesängen herausgezogen wird ans grelle Tageslicht als neugeborenes Kind seines Gottes. Dieser Tag gilt als Tag seiner Wiedergeburt. Der ganze Vorgang der Initiation wird mit dem Wort "Kahlscheren" umschrieben. Wenn einer sagt, er sei in diesem oder jenem Tempel "kahlgeschoren" worden, meint er diese Einführung.
Rekonstruiere das Märchen von Frau Holle aus der Erinnerung. Was ist der Eingang zu ihrem Reich? Wo liegt dieses Reich im Verhältnis zur Erde?
Ich glaube an Jesus Christus den eingeborenen Sohn Gottes empfangen von der Jungfrau Maria gekreuzigt unter Pontius Pilatus gestorben und begraben hinab gestiegen in das Reich des Todes am dritten Tage auferstanden von den Toten aufgefahren in den Himmel. Er sitzt zur Rechten Gottes
Wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln.
Wenn wir ins Land kommen, sollst du dies rote Seil in das Fenster knüpfen, durch das du uns hinab gelassen hast,
und du sollst zu dir ins Haus versammeln deinen Vater, deine Mutter deine Brüder und deine ganze Verwandtschaft.
Und wer zur Tür deines Hauses hinausgeht, dessen Blut komme über ihn, aber wir seien unschuldig, doch das Blut aller
die in deinem Hause sind, soll über uns kommen, wenn Hand an sie gelegt wird............... Sie sprach: Es sei wie ihr sagt
und ließ sie gehen .... und sie knüpfte das rote Seil ins Fenster.
Buch Josua, Kapitel 2, Verse 18 bis 21