Titelschrift

Küstermann



Kursstufe

Material zur fünften Woche


Menschengruppen, denen sich Jesus besonders zuwandte

Jesus und die Zöllner

Publicani, die "noblen", römischen Zollpächter-Gesellschaften

Das Eintreiben von Geld für den römischen Staat (Zölle, Steuern) erfolgte nicht gemächlich und ordentlich durch Beamte oder staatliche Angestellte, sondern es waren selbständige Finanz-Unternehmer (lat. "publicani"), die gegen einen hohen Vorauszahlungsbetrag einen Zoll-Bezirk vom Staat pachteten und dann auf eigene Kosten und eigenes Risiko versuchten, möglichst hohe Einnahmen aus diesem Bezirk zu erzielen. In der Regel waren es römische Ritter, also Angehörige der Adelsschicht, die in organisierten Zollpächter-Gesellschaften versuchten, im staatlichen Auftrag und unter staatlichem Schutz privat reich zu werden. Diese Zollpächter-Gesellschaften waren zu manchen Zeiten die mächtigsten Geld-Verschiebe-Apparate des römischen Reiches.

Es gab Straßenzölle, Fähr- und Tor-Zölle, Hafen-Zölle, Markt-Zölle, Einfuhr-, Ausfuhr- und Durchfuhr-Zölle, die auf alle möglichen Waren erhoben wurden: Weizen, Wein, Stroh, Kräuter, Salzfische, Stroh und auch Sklaven, jedes transportierbare Gut musste an den jeweiligen Zollstationen - Stadttoren, Hafenquais, Markplätzen usw. verzollt werden. Die alte Bezeichnung "portorium" für Zoll zeigt, dass es ursprünglich eine Hafengebühr gewesen sein dürfte, was später an vielen Transportwegen kassiert wurde. Theoretisch waren die Zollsätze festgelegt oder zumindest auf bestimmte Regelsätze begrenzt, aber die Gewinnspanne für den Zoll-Unternehmer bestand darin, mehr Einnahmen aus seinem Bezirk herauszuholen, als er an Pacht hatte zahlen müssen. Die staatlich festgelegten Sätze wurden praktisch nur als Orientierungswerte genommen. Und die höchsten Gewinn-Möglichkeiten ergaben sich natürlich durch das Eintreiben überhöhter Zölle. Dieses System der Zollpächter-Gesellschaften bot dem Staat recht sichere Einnahmen, ohne das mit eigener Verwaltung organisieren zu müssen. Und das System bot den Skrupellosen unter den Adligen die Möglichkeit reich zuwerden.

Telones, die "hartherzigen", nicht-römischen Eintreiber

Das eigentliche Durchsuchen der Waren, das Schätzen ihres Wertes und das Kassieren des Zolles, also die praktische Geld-Eintreib-Arbeit gegenüber den Händlern, Kaufleuten, Handwerkern und Bauern erledigten die Publicani nicht eigenhändig, sondern dafür stellten sie geeignete, also möglichst rücksichtslose Menschen aus der einheimischen Bevölkerung an. Diese kleinen Zöllner hießen auf griechisch "Telones" (τελώνης).

Jesus und die Telones

Jesus hatte mit Zöllnern zu tun, genauer gesagt mit manchen von den Telones. Nicht dass er hätte Zoll zahlen müssen - dafür war er zu arm, aber er begegnete diesen Menschen, hatte freundlichen Kontakt mit ihnen und wurde dafür von anständigen Menschen heftig kritisiert. Bei den im Neuen Testament vorkommenden Zöllnern gehört Levi eindeutig zu den Telones, den kleinen Eintreibern. Er sitzt an der Zollstation und muss sich dort mit den Menschen herumärgern, die zahlen müssen und darüber wütend sind, auf ihn wütend sind. Ob der ehemalige Zöllner Levi der spätere Verfasser des Matthäus-Evangeliums sei, ist umstritten.

Der Zöllner mit Namen Levi

Evangelium nach Lukas Kapitel 5 ab Vers 27:

Und danach ging Jesus hinaus und sah einen Zöllner mit Namen Levi am Zoll sitzen und sprach zu ihm: Folge mir nach! Und er verließ alles, stand auf und folgte ihm nach. Und Levi richtete ihm ein großes Mahl zu in seinem Haus, und viele Zöllner und andre saßen mit ihm zu Tisch. Und die Pharisäer und ihre Schriftgelehrten murrten und sprachen zu seinen Jüngern: Warum esst und trinkt ihr mit den Zöllnern und Sündern? Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder zur Buße.

Zachäus

Jesus und Zachäus, Gemälde von Niels Larsen Stevns

Der Ober-Zöllner Zachäus

Zachäus, der klein war von Gestalt, musste auf einen Baum klettern um Jesus zu sehen, aber es heißt er war ein Oberer der Zöllner. Er reichte wohl ein bisschen näher an die publicani heran, auch wenn er selber bestimmt kein solcher war. Er stand in der Hierarchie der Zolleintreiber (Telones) auf einer etwas höheren Stufe, gehörte zu den besser verdienenden, aber keineswegs zählte er zu den Gesellschaftern, denn dies war reserviert für den römischen Adel. Immerhin war er wohlhabend geworden. Zachäus konnte Gastmähler geben und nach seiner Begegnung mit Jesus auch großzügige Rückzahlungen machen, an Menschen, denen er zuviel abgenommen hatte. Dass Zachäus seinen Wohlstand aus anderen Quellen als seinem Zöllner-Dasein gewonnen haben könnte, ist weniger wahrscheinlich, da ein auch nur halbwegs wohlhabender Einheimischer kaum auf die Idee gekommen wäre, sich in diese allgemein verhasste Branche zu begeben. Wie in allen römischen Provinzen brachte auch die Bevölkerung in den Gebieten Judäa und Galiläa den Zöllnern natürlich keine große Symphatie entgegen. Wer von anständiger Arbeit lebte, wollte mit den Zöllnern nichts zu tun haben. In diese Tätigkeiten gingen skrupellose Menschen am Rande der Kriminalität, die sich ein schnelles Einkommen davon versprachen, oder es waren verzweifelte Menschen, die keine andere Chance für sich sahen, ihre Schulden zu zahlen und ihren Lebensunterhalt zu erwerden. Wer Zöllner wurde, hatte keine Freunde mehr.

Aufgabe: Nimm die Redewendung "zwischen den Stühlen sitzen" und beschreibe damit die Rolle der Telones in ihrem Lebensumfeld und im römischen Reich.

Jesus begibt sich in schlechte Gesellschaft

Jesus orientiert sich nicht an den Verfehlungen und an der moralischen Beurteilung von Menschen, sondern wendet sich ausdrücklich denen zu, die nach den Regeln der religiösen Moral versagt haben. Er scheint die menschlichen Tragödien hinter den gesellschaftlichen Rollen zu sehen. Anstatt als Beurteiler und Verurteiler zu agieren, nimmt Jesus die Menschen in ihrer Fehlerhaftigkeit an und begegnet ihnen mit Verständnis und Wohlwollen. Nicht Strenge und Disziplin sind seine Mittel zur Weiterentwicklung der Menschen sondern Liebe und Erbarmen. Dafür wird Jesus beschimpft als "ein Fresser und Weinsäufer, ein Freund der Zöllner und Sünder." In diesem Verhalten Jesu liegt aber keineswegs eine Bestätigung oder auch nur Verharmlosung der gesellschaftlichen Zustände. Die Zöllner, mit denen er zu tun hat, sind zwar wohlhabend genug um den Neid und den Ärger ihrer moralischer lebenden Zeitgenossen auf sich zu ziehen, aber es sind eben doch nur Telones, also tendenziell tragische Existenzen, Menschen die zwischen den Stühlen sitzen. Jesu Botschaft vom Reich Gottes beschreibt nicht eine Ideal-Gesellschaft für religiöse Elite-Menschen, sondern es ergeht ausdrücklich eine Einladung an alle Benachteiligten, Fehlerhaften, Unvollkommenen. Denn wir sind immer beides, die Verletzenden und die Verletzten. Wir schaden unseren Mitmenschen und wir sind die Geschädigten. Sowohl in unserem Tun, als auch in unserem Erleiden, aktiv wie passiv sind wir die Kranken, die des Arztes bedürfen.

Gaius Rabirius Postumus, ein zeitweise erfolgreicher Financier

Einen anschaulichen historischen Zugang zum Milieu und zur Lebenseinstellung der publicani bietet der römische Ritter und spätere Senator Gaius Rabirius Postumus. Schon sein Vater Gaius Curtius war ein Steuerpächter gewesen, der junge Rabirius beerbte nicht nur seinen frühverstorbenen Vater, sondern übernahm auch die Geschäfte seines Onkel's und hatte durch seine weitläufigen Finanzaktionen bald viele Verbindungen zu mächtigen Personen im ganzen römischen Reich.

Rabirius finanzierte in Ägypten die Herrschaftsübernahme durch Ptolemäus XII, wofür große Bestechungs- und Rüstungssummen nötig waren. Diese Investition erwies sich als weniger glücklich. Die ägyptische Bevölkerung war nicht begeistert vom neuen König. Ptolemäus XII musste wegen eines Aufstandes in Alexandria im Jahre 58 v.Chr aus seinem teuer erworbenen Königreich fliehen. Um seine Wiedereinsetzung als Herrscher Ägyptens zu erreichen, brauchte Ptolemäus XII römische Unterstützung und eine Militärintervention. Die dafür nötigen Bestechungsgelder wurden wieder von Rabirius vorgestreckt. Motiviert wurde Rabirius durch den drohenden Verlust seiner beträchtlichen Erstinvestition. Ohne Königsherrschaft hätte Ptolemäus die auf ihn gesetzten Gelder nicht zurückzahlen können. Aber der Financier war von der Durchsetzungsfähigkeit des von ihm bezahlten Königs nicht mehr überzeugt. Er beförderte ihn zwar mit viel Geld wieder an die Macht, aber als Ptolemäus XII schließlich wieder den ägyptischen Königsthron innehatte, übernahm Rabirius selbst als Dioiketes (Finanzminister) die Aufsicht über den Staatshaushalt und das gesamte Finanzwesen Ägyptens. In dieser nun auch offiziellen Position, konnte er die Geldflüsse des bis dahin als reich geltenden Landes selbst steuern. Ziel war es, ohne den Umweg über Ptolemäus XII, die königlichen Schulden direkt vom Volk bezahlen lassen. So hoffte Rabirius seine eigenen Gelder und die seines am selben Unternehmen beteiligten Kollegen Gabinius wieder einzunehmen, natürlich mit möglichst hohem Gewinn.

Weil ihm das Eintreiben zu langsam ging, entließ Rabirius erfahrene ortsansässige Verwaltungsfachleute und ersetzte sie durch seine weitaus schnelleren, internationalen Mitarbeiter. Der neue Finanzminister Rabirius veräußerte auch einige lange gehütete Staatsschätze des Nillandes und exportierte außerdem in größeren Mengen Papyrus, Leinenstoffe und Glaswaren. Was halt aus Ägypten zu holen war.

Der heilige Augustinus (viertes Jahrhundert nach Christus) sagte: "Ein Staat ohne Gerechtigkeit ist nichts anderes als eine große Räuberbande". ("Iustitia remota quid sunt regna nisi magna latrocinia!" De civitate Dei IV, 4, 1)

Im Jahre 54 vor Chr. musste Ptolemäus XII seinen Finanzier und Finanzminister verhaften lassen und ihm zur Flucht aus dem ausgebeuteten Land verhelfen, sonst wäre Rabirius vom wütenden Volk gelyncht worden. Zurück in Rom wurde ihm dort der Prozess gemacht. Die Vorgänge in Ägypten waren nur ein Anklagepunkt. Daneben hoffte der römische Staat von Rabirius eine hohe Summe ausstehender Forderungen kassieren zu können, die sein Kollege und Geschäftspartner Gabinius nicht erstattet hatte. Die Verteidigung des Rabirius wurde von Cicero übernommen. Der Prozessausgang und der weitere Verbleib des Großbankiers sind unbekannt.

Gaius Rabirius Postumus muss mit seiner Habgier und Skrupellosigkeit nicht unbedingt das allgültige Beispiel für alle römischen Zollpächter darstellen, aber seine zufälligerweise durch Cicero und ein paar Papyrus-Schriften belegte Lebens- und Geschäfts-Geschichte gibt doch Einblick in die römische Kombination aus Staatsfinanzierung und privatwirtschaftliche Pächter. Die privatwirtschaftlichen Akteure gehörten dem römischen Adel an. Deshalb galten sie als loyal zum Staat und ihre persönliche Bereicherung wurde nur selten kritisiert. Unabhängig von den persönlichen Eigenschaften und der Unmoral der einzelen Akteure, hatte die römische Organisationsform ein systemisches Gefälle in Richtung Ausbeutung und Korruption. Ausbeutung bezeichnet hier die Nutzung von Arbeitskraft und Ressourcen für andere Zwecke und in anderem Maße, als gerecht wäre. Korruption bezeichnet hier die Zersetzung von gerechter Ordnung. Dieses Gefälle wurde von den beiden Beteiligten (Staat und Publicani) hingenommen, weil beide Seiten daraus Gewinn zogen.

Aufgaben:

1. Spekuliere ob Jesus dem Rabirius gegenüber genauso freundlich gewesen wäre, wenn er ihm begegnet wäre, wie er es bei Zachäus war. Finde Argumente dafür und Argumente dagegen.

2. Vergleiche die antiken Problemlagen zwischen Kommerz (damals: Publicani) und öffentlicher Bedeutung (damals: Staatsfinanzierung)
mit den heutigen Beziehungen zwischen Kommerz (heute: IT-Konzerne) und öffentlicher Bedeutung (heute: Demokratie und Informationsgesellschaft). Entwickle dies am Beispiel eines gesellschaftlich wichtigen Produkts (Google's Suchmaschine oder Microsoft's Windows oder Adobe's PDF). Welche Gefahren könnten einer modernen Gesellschaft drohen? Wo lassen sich die antiken Rollen von Zollzahlenden, von Publicani, von Telones, von Imperium Romanum in modernen Verhältnissen wieder finden, wo nicht?

3. Klassische Frage: Was würde Jesus heute tun?

4. Betrachte Deine Methoden, die Du bei den Fragen 2 und 3 angewendet hast. Mithilfe welcher Kategorien hast Du die Vergleiche zwischen verschiedenen Zeitaltern gezogen?


Buchstabe K

Jesus und die Armen

Jüngerinnen Jesu


Antworten

Buchstabe K telefonisch oder per Email oder auf dem Webuntis-Messenger


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