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Küstermann



Ostersonntag 2021, 2. Mose (Exodus) 14, 13-21

Liebe Gemeinde,

Mirjam haut auf die Pauke! Es dürfte eine Handpauke, so eine Art Tamburin gewesen sein. Die Frau mit der Handpauke ist ein beliebtes Motiv in der Kunst Israels schon seit sehr alten Zeiten. Sammeln wir unsere Assoziationen zu dieser zentralen Geschichte des Alten Testaments.

Der Bereich des Todes ist groß. Nicht nur das Heer des Pharao gehört zu den Heerscharen des Todes, sondern viele imperiale Heere durch viele Zeiten der Menschheitsgeschichte.

Der Auszug aus der Sklaverei in Ägypten war ein Paukenschlag für die Freiheit. Aufzubrechen aus den Imperien des Todes hinaus ins Leben ist jedesmal ein riskantes Unternehmen.

Jede noch so theatralische Beschreibung dieses Ereignisses kann es nicht ganz wiedergeben. Das Wasser steht wie Mauern rechts und links. Geburtsbilder spielen da mit, wenn die Fruchtblase platzt und die Wasser sich teilen für das neue Leben.

Gefahrvolle Passagen in der individuellen Lebensgeschichte kommen in die Erinnerung. Jedes Wohlbehütetbleiben trotz Gefahr, jedes Nochmal-davon-gekommen-Sein hat ein bisschen was vom Weg durch das Meer.

Die militärischen Bilder von Ross und Reiter und Kriegswagen können einen an eigene Kämpfe erinnern, an Feindseligkeiten, an Bedrängnis und an Unterdrückungserfahrung. Dass die Stärkeren nicht recht behalten, ist eine Erfahrung, die der Menschheit öfter mal gut täte. Dass die vermeintlich Schwachen einen Siegesreigen tanzen können, ist ein roter Faden des Menschseins gegen alle Raubtiere mit ihren ach so mächtigen Klauen und Reißzähnen.

Der Exodus ist eine der stärksten und folgenreichsten Erfahrungen der Menschheit. Diese Erzählung bildet den wichtigsten Knotenpunkt und Kontrapunkt gegen alle Sklavenhaltergesellschaften der Antike und der nachfolgenden Epochen.

Gott stellt sich auf die Seite der Sklaven und führt sie in die Freiheit. Diese Religion war ein Skandal für alle anderen. Denn alle normalen Göttinnen und Götter standen auf der Seite der Herrschenden. Was ist das für ein Gott, der den Unterdrückten zur Flucht verhilft? Der Jahwe, dein Gott ist anders als alle Götter. "Der Jahwe wird für euch streiten und ihr werdet stille sein". Was ist das für eine seltsame Anweisung zum Konflikt-Verhalten? Damit müsste experimentiert werden.

Die Wasser gehorchen ihm. Die Winde lassen sich von ihm lenken. In ein Kleid aus Wolken verhüllt er sich. Die einen, nämlich die Sklaven stellt er ins Licht, die anderen, nämlich das Heer des Pharao, in den Schatten. Andersherum als gewöhnlich. Der Allmächtige hat die Seiten gewechselt, kein Pharao kann das ertragen.

Womit identifizieren Sie sich, liebe Mitchristen? Was mögen Sie an sich selber? Welche Eigenschaften schätzen Sie hoch an sich und an anderen? Von welchen distanzieren Sie sich? Vielleicht werden die hochgeschätzten untergehen mit Ross und Reiter*in. Und vielleicht werden die Missachteten durch's Meer in die Freiheit ziehen. Nur so als Gedankenspiel zur Neubewertung Ihrer selbst.

Alle Herrenmenschen nicht nur in der Antike waren entsetzt. Spüren Sie die verkehrte Welt, wenn der Allerhöchste sich mit den Schwächsten, mit dem untersten Sockel der Gesellschaft identifiziert: "Die Ersten werden die Letzten sein" und "Was ihr getan habt einem meiner geringsten Geschwister, das habt ihr mir getan". Sie kennen die Zitate. Jesus von Nazareth setzt geradlinig die Geschichte fort, für die Mirjam getanzt und getrommelt hat.

Wir Menschen brauchen diese dringend Linie, um unser Menschsein zu finden. Wir brauchen diese Stellungnahme Gottes für die Schwachen, sonst verirren wir uns im "ganz natürlichen" Verlangen nach Stärke, nach Macht, nach Ehre und nach was weiß ich was. Sie wissen's selber. Sie kennen Ross und Reiter*in. Lauter kleine Pharaoninnen und Pharaonen sind wir im Herzen, wenn nicht immer wieder der Wind Gottes, der Heilige Geist hineinpustet.

Wie sollen wir Menschlichkeit lernen, Mitmenschlichkeit üben, wo es doch viel schmeichelhafter ist für's Ego, mit Löwen, Tigern, Bären, Adlern sich zu identifizieren. Den Raubtieren hechelt das Menschlein hinterher, wär' so gern wie sie, weil sie so königlich scheinen. Das ist der Weg zum Tod. Da geht's lang zum Totenreich. Zigtausendfach durchexerziert im Laufe der Geschichte.

Lass Dich herausführen aus den Toten! Lerne Auferstehung! Übe aufzustehen für die Schwachen, denn Deine Auferstehung geht nur als Spiegelbild ihrer Auferstehung. So ist das Menschsein im Himmel angeordnet, als Spiegelbild Christi und der identifiziert sich mit den Geringsten.

Entkolonisieren Sie bitte Ihre Vorstellungswelt, liebe Mitchristen! Lassen Sie die irrigen Ross-und-Reiter*in-Selbstbilder untergehen und entdecken Sie sich neu, so wie Sie sein könnten, außerhalb der jetzigen Grenzen, auf dem Boden, den Christus für uns gut gemacht hat.

Wohin diese Entdeckungsreise führen wird, wissen wir nicht, nur dass wir uns von Gott führen lassen. Wir würden sonst gefangen bleiben in unseren selbstgemachten Richtigkeiten. Wir - ohne Gott - hängen fest in den gewohnten Bahnen. Wer käme schon auf die Idee, durch's Meer zu ziehen?

Solange wir im pharaonischen Denken und Fühlen und Tun sind, sind wir im Dunkeln. Das Licht muss uns erst noch aufgehn. Keine Ideologie zündet das Licht an, keine Lehrsätze, keine Philosophie, nichts Erdachtes, sondern Gott selbst schafft die Erleuchtung. Im gelebten Leben begegnet uns der Auferstandene, und Mirjam mit der Pauke in der Hand führt uns zum Reigen. Wie heißt die schöne Formulierung von der weiblichen Seite Gottes: Mirjam ist transparent auf Christus hin. Und in der Auferstehung Christi scheinen alle Menschen auf, mit denen Gott gegangen ist, nein, mit denen Gott getanzt hat, den Tanzschritt des Lebens. Amen

Herzliche Grüße
Ihr Pfarrer Harald Küstermann


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