Titelschrift

Küstermann



In die Fußstapfen treten

Gottesdienst zum Sonntag Misericordias 26. April 2020,
Lutherkirche in Feuerbach

1. Petrusbrief, Kapitel 2, Verse 21 bis 25

Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen; er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte, als er litt, es aber dem anheimstellte, der gerecht richtet; der unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. Denn ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.
Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

Liebe Gemeinde,
bitte falten Sie Ihre Hände! Es ist nicht direkt zum Beten, sondern Sie sollen ein seltsames Gefühl kennenlernen. Falten Sie die Hände so, dass immer abwechselnd ein Finger von rechts, einer von links kommt und dann schauen Sie nach, ob bei Ihnen der rechte oder linke Daumen oben liegt. Wenn Sie sich Ihren Daumen gemerkt haben, nehmen Sie die Hände kurz wieder aus der Verflechtung und legen Sie sie andersherum wieder zusammen, so dass jetzt also der andere Daumen oben liegt und alle Finger immer noch abwechselnd, aber um eine Stufe verschoben. Spüren Sie dieses seltsame, fremde Gefühl? Dabei haben wir doch gar nicht viel geändert. Wir haben nur die Hände gefaltet und eigentlich müsste das doch egal sein, - so sagt der nüchterne Verstand - ob die Finger der einen Hand oder der anderen jeweils oben liegen. Das Körpergefühl sagt etwas anderes. Die eine Haltung sei gut und richtig und normal, die andere dagegen komisch oder falsch oder seltsam.

Hören Sie auf Ihren Körper, liebe Gemeinde, denn Ihr Körper weiß Sachen, von denen Sie und ich keine Ahnung haben! In unseren Muskeln, Gelenken und Knochen sind Gefühle gespeichert. Unsere Seele, unser Geist wohnt im Körper und ist mit ihm zutiefst verbunden. Erfahrungen und Gewohnheiten sind „eingefleischt“ im Körper. „Eingefleischt“ ist das deutsche Wort für das lateinische „inkarniert“. Indem wir unsere eingefleischten Bewegungen ein bisschen verändern, verändern wir damit auch unsere seelischen und geistigen Gewohnheiten. Wir spielen mit Variationsmöglichkeiten und damit werden nicht nur die körperlichen Bewegungen einfühlsamer und geschmeidiger, sondern Seele und Geist gehen mit. Diese Veränderungen erfolgen vorsichtig und mitfühlend. Und so ist es eine heilsame Horizonterweiterung.

Was wir da gerade gemacht haben, war eine Feldenkrais-Übung, benannt nach Moshé Feldenkrais, der solche Übungen als pädagogisches und therapeutisches Mittel entwickelte. Durch die Verknüpfung von Bewusstheit und Bewegung lernt unser Gehirn auf eine ganz sanfte und ganz intensive Weise. Diese Art des Lernens brauchen wir, so glaube ich, um unseren heutigen Bibeltext zu verstehen:

Denn dazu seid Ihr berufen, dass Ihr in die Fußstapfen Jesu Christi treten sollt.

In die Fußstapfen Jesu Christi zu treten, das wäre eine Überforderung, wenn es als moralische Anweisung aufgefasst würde. Es macht aber sehr viel Sinn, wenn es eine Anweisung zum Spüren ist. Wir sollen die Gangart Jesu spüren. Wo wir uns auf dieses Nachfühlen einlassen, da verändern sich unsere eingefleischten Verhaltensweisen. Seele, Geist und Körper entdecken überraschende Bewegungs-Spielräume, wo wir Jesus nachfolgen.

In die Fußstapfen eines anderen zu treten, ist eine interessante Sache. Kinder machen ein Spiel daraus: Im Winter auf zugeschneiten Wegen oder im Sommer am Sandstrand, versuchen sie, in den Fußstapfen anderer zu gehen. Aber Schnee und Sand sind meistens nur ungenaue Aufzeichnungen der Fußabdrücke, denn im Winter hat man dicke Stiefel an, da erscheinen alle Abdrücke sehr ähnlich. Im Sommer am Strand kann man zwar barfuß gehen und wo der Sand feucht ist, lässt sich schon ein genauerer Fußabdruck machen, aber beim Versuch in diesen Sandspuren eines anderen Menschen zu gehen, erweist sich der Sand als zu nachgiebig. Die Sandabdrücke passen sich gleich dem „neuen“ Fuß an, anstatt den „alten“ richtig spürbar zu machen.

Ideal für das Fußstapfentreten ist lehmige Erde, wenn sie durch Regenfälle an der Oberfläche gut aufgeweicht ist und dann in der Sonne langsam zu trocknen beginnt. Nur die oberen paar Zentimeter sollen weich sein, der Untergrund eher fest. Wenn der Matsch zu tief ist, dann sinken die hochgedrückten Ränder gleich wieder nach innen und verschließen den Abdruck. Wenn der Untergrund fest ist, bekommt der barfüßige Abdruck die richtige Tiefe, um stabil zu bleiben. Danach muss alles in der Sonne trocknen. Wenn in der Zwischenzeit kein Traktor und keine Spaziergänger darüber gehen, dann ergibt die so gelegte Spur die ideale Grundlage zum Fußstapfentreten.

Wer diese Spur dann selber barfüßig nachgeht, kann nach ein paar Schritten ein ähnlich seltsames Gefühl bekommen, wie vorhin beim Händefalten. Beim Gehen in der eigenen Spur ist es eine recht normale Selbsterkenntnis: Ja, so gehe ich. Das ist meine Gangart mit allen meinen Eigenarten.

Beim Gehen in der Spur eines anderen Menschen fühlt es sich sehr viel seltsamer an. Die Fußstellung, die Schrittgröße, der Bewegungs­rhythmus des Anderen wird sozusagen nachgebildet. Und manchmal entsteht einen Moment lang das Gefühl, in den Körper des Anderen geschlüpft zu sein. Ja, so ist mein Spielkamerad. So bewegt er sich. Das ist sein Charakter, seine Gangart. Ich erkenne ihn wieder im Bewegungsablauf.

Es ist nur ein Kinderspiel oder eine umständliche, materialaufwendige, neue Feldenkrais-Übung, aber wenn wir unsere Eingefleischtheiten begreifen, dann kann es ein wichtiger Lernanstoß werden. An vielen anderen Stellen des Lebens findet das „In-die-Fußstapfen-Treten“ sehr viel körperloser und sehr viel unfreiwilliger statt. Bei allen Arten von Nachfolge in beruflichen Stellen oder wenn Geschwister in dieselbe Schule kommen, immer ist es eine Auseinandersetzung mit den Spuren, die unsere Vorgänger*innen gelegt haben. In der Folge der Generationen und in der Kulturgeschichte bewegt sich unser Leben nie auf neutralem Grund, sondern immer in den früher gelegten Spuren, die wir dann umformen und von denen wir geformt wurden. Was haben Sie alles von Ihren Eltern übernommen? Wo haben Sie sich Freunden und Kollegen angepasst?

Noch etwas anderes ist es, bewusst in die Fußstapfen Christi zu treten: Hier im ersten Petrusbrief werden einige seiner Fußstapfen aufgezählt: Er, der keine Unrecht getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand. Der nicht widerschmähte, als er geschmäht wurde. Der nicht drohte, als er litt. Nicht dass wir diese Fußstapfen ausfüllen könnten, aber schon im Nachfühlen verändern wir uns. Wie gesagt: Fassen Sie es nicht gleich als moralische Pflicht auf, sondern spüren Sie, was das für eine Gangart ist, die Gangart mit der Jesus von Nazareth über diese Erde ging. Und diese Gangart können wir nachfühlen bei allen Jesus-Geschichten im Evangelium oder beim Lesen seiner Bergpredigt. Diese Gangart tut uns gut, tut den Menschen gut, tut unserer Kultur gut, auch wenn wir sie nicht so richtig hinkriegen. Insbesondere wenn es um‘s Leiden geht, schreckt uns seine Spur ab. Lenkt uns die Angst auf andere Wege. Aber schon die Annäherung an die Spur Jesu und an ihn selbst ist heilsam. In dieser Art der Nachfolge spüren wir Christus in uns, ohne Leistungsdruck, aber mit sensibler Entdeckungsfreude.
Amen

Diese Predigt steht zur Verfügung unter der Lizenz CC-BY-ND 3.0 DE, das bedeutet: Kostenlose Weiterverwendung aber in der unveränderten Fassung (no-derivates) und mit der Pflicht zur Namensnennung. Die Namensnennung muss lauten:
Harald Küstermann, https://roteschnur.de/kuestermann/kirche/misericordias-2020.php


Dein Weg ist Liebe

Ein Lied aus der Taizé-Tradition

Dein Weg ist Liebe

2. Ohne Verdienst frei wählen wir Wege / knechten die Erde, nützen sie aus. / Wir taten vieles, irrten als Menschen. / Missbrauch der Macht verdunkelt das Licht.
(Kehrvers:)
In deiner Gnade, in deiner Güte wend uns zu dir, dass sich wandelt die Welt, wend uns zu dir, dass sich wandelt die Welt

3. Terror und Tränen, offene Wunden, / Herzen, die hart sind, spiegeln die Furcht. / Gier nur und Habsucht, doch kein Vertrauen. / Kämpfen und streiten mahlt uns zu Staub.
(Kehrvers:)
In deiner Gnade, in deiner Güte wend uns zu dir, dass sich wandelt die Welt, wend uns zu dir, dass sich wandelt die Welt


Herzliche Grüße
Harald Küstermann