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Küstermann



K1

Wirklichkeit in der Denkweise der Hermeneutik

Hermeneutik, die Kunst des Verstehens

Hermeneutik bedeutet eigentlich Übersetzungskunst, von altgriechisch ἑρμηνεύειν (hermeneúein), „übersetzen“. Ein Hermeneut ist ein Dometscher. Im weiteren Sinn ist es die Kunst des Verstehens und Auslegens. Der Verstehensprozess, auch wenn er innerhalb der gleichen Sprache stattfindet, ist eine Art von „Übersetzung“.

Das Verhältnis von subjektiv und objektiv in der Hermeneutik

Es gibt kein rein „objektives“ Verstehen unter Ausklammerung des Verstehenden, sondern das Subjekt sitzt immer mit im Boot. Verstehen geht nur mit mir selber. Es wird nicht neutral und distanziert ein Text aus einer Sprache heraus genommen und in eine andere Sprache hineingesetzt, sondern das Lesen und Verstehen eines Textes „ist das Über-Setzen des Geistes auf ein anderes Ufer“ (Zitat Karl Hardecker, mündlich überliefert). Das übersetzende Subjekt ist nach dem Übersetzungsvorgang ein anderes als vorher. Wenn ich etwas verstehen lerne, verändere ich mich dabei. Weil Hermeneutik nicht vollständig objektivierbar ist, sondern immer und notwendig auch subjektiv, wird sie nicht als Wissenschaft, sondern besser als Kunst bezeichnet.

Hermeneutik als Meta-Theorie

Jedes Gespräch mit einem anderen Menschen ist ein hermeneutischer Prozess, ebenso jedes Betrachten eines Kunstwerkes oder einer Architektur oder sonst eines Bedeutung tragenden Objektes. Auch beim Versuch sich selbst und die Welt und Gott zu verstehen, ist der Mensch hermeneutisch tätig, obwohl er sich das in den meisten Fällen nicht bewusst macht. Hermeneutik ist in diesem Sinne die Meta-Theorie für alle möglichen geistigen Vorgänge und für alle Arten von Wissenschaft.

Das Werkzeug

Das wichtigste Werkzeug für die Verstehensarbeit ist das Subjekt selbst. Um zu verstehen, brauche ich mein Denken, mein Fühlen, meine Erfahrungen. Alles was ich kann und weiss könnte ein Zugang zum Text sein. Ich bin mein Werkzeug. Alles was ich kann und weiss könnte aber auch ein Hindernis sein, ein Vorurteil, eine Blockade gegen den Text. Alles was zu meinem Subjekt dazugehört, könnte eine Ressource für das Verstehen sein oder eine Irreführung. Deshalb gehört eine Art „Selbstreinigung“ zum bewussten hermeneutischen Arbeiten.

Die Klärung des eigenen Vorverständnisses

Ein wichtiges Element hermeneutischer Arbeit ist die Klärung des eigenen Vorverständnisses. Ein großer Teil von Unverständlichkeit beruht erfahrungsgemäß darauf, dass Text und Ausleger*in von verschiedenen Vorverständnissen ausgehen. Diese Klärung kann aber nicht im Voraus erledigt werden, sondern geschieht mitten in der Verstehensarbeit, weil ich erst in der Begnung mit dem Anderen (Text, Mensch, Kunstwerk, Welt, Gott) erfahre, wo mein Vorverständnis unzureichend ist.

Die Demut der Hermeneutik

Die Klärung des eigenen Vorverständnisses ist gleichzeitig das Zugeständnis der eigenen Begrenztheit, also eine Art Demutsübung. Wo meine Begrenztheit mir bewusst wird, steigt die Bereitschaft, etwas dazu zu lernen. Ziel ist es den eigenen Verständnishorizont so zu erweitern, dass ich den Verständnishorizont des Textes in meinen eigenen herein nehmen kann. Was mir am Text widerstrebt, könnte ein Hinweis sein, wo genau mein Horizont noch zu eng ist. Daraus ergibt sich ein weiteres Element.

Die hermeneutische Grundentscheidung

Das weitere Element ist die sogenannte hermeneutische Grundentscheidung, nämlich dem Text einen Vertrauensvorschuss zu geben. Wer versucht zu verstehen, braucht das Vorurteil, dass da etwas zu verstehen sei. Hermeutisches Arbeiten erfordert das Vertrauen, dass das Objekt einen Sinn hat. Der Vertrauensvorschuss ist notwendiger Bestandteil um den Verstehensprozess in Gang zu bekommen. Wenn ich an einem Text etwas nicht verstehe, dann sage ich nicht: „Der Text ist blöd“, sondern ich versuche es mit der Einstellung: „Ich bin noch zu blöd“. Eine gute Frage heißt: „Was fehlt mir zum Verstehen?“ Im Vertrauen auf einen irgendwie gearteten Sinn des Textes gehe ich über meine eigenen Verständnisgrenzen hinaus und versuche das zu begreifen, was mir vorher fremd war.

Horizonte

Das was mir schon vertraut war, ist der Horizont meines Vorverständnisses. Wenn etwas nur vertraut ist, könnte es langweilig werden. Jeder Text, jedes Kunstwerk, jedes geistige Objekt ist in seinem eigenen Verständnishorizont entstanden. Wo sich mein Horizont mit dem des Textes überschneidet, liegen die Gemeinsamkeiten, also die Ansatzpunkte für das Verstehen. Was außerhalb davon liegt, ist erstmal fremd. Das Unvertraute, Unverstandene, Fremde ist der für mich neue Horizont. Je weniger Überschneidungsgebiet existiert zwischen meinem Horizont und dem des zu verstehenden Objektes, desto fremder, unsinniger, unverständlicher erscheint es mir. Verstehen wollen ist die Suche nach Horizonterweiterung. Spannend ist der hermeneutische Akt der Verschmelzung der beiden Horizonte.

Hermeneutik ist die besondere Methode der Geisteswissenschaften

Jeder verständige Mensch merkt an sich selbst die Unterschiede, ob ich etwas verstanden habe oder nicht, oder nach weiterem Nachdenken noch besser verstehe. Auch können unterschiedliche Subjekte sich über ihre subjektiven Verstehensweisen verständigen, aber eben immer mit Beteiligung der Subjekte. Die Fortschritte im Verstehensprozess sind feststellbar, auch wenn sie nicht "objektiv" messbar sind. Damit das Verstehen nachvollziehbar wird für andere, muss jedes Subjekt die eigenen Vorraussetzungen (Vorverständnis) und die eigene Vorgehensweise erklären. Methode bedeuted, nicht nur ein Ergebnis vorzulegen, zum Beispiel eine bestimmte Interpretation eines Textes, sondern auch den Weg nachvollziehbar zu machen, der zu dem Ergebnis führte. In diesem Sinne ist die Hermeneutik dann doch wissenschaftlich.

Ursprung der Methode

Der Ursprung der Hermeneutik als besonderer geisteswissenschaftlicher Methode, liegt in der Epoche, als die klassischen Naturwissenschaften den Glauben verbreiteten, die ganze Welt könnte objektiv erfasst werden und in dieser Objektivität läge die Wissenschaftlichkeit. In Abgrenzung zu diesem Objektivismus entwickelte sich die eigene Methode der Geisteswissenschaften, weil in ihrem Bereich reine Objektivität nicht hergestellt werden kann. Es gibt kein Verstehen ohne verstehendes Subjekt. Im weiteren Verlauf der Wissenschaftsentwicklung wurde das scheinbare Defizit zum entscheidenden Plus, denn auch in den Naturwissenschaften wurde der reine Objektivismus zum Problem.

Dieser Text steht unter der Lizenz cc-by-sa 4.0 international, erforderliche Angabe: Harald Küstermann @RoteSchnur.de


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