RoteSchnur-Titelschrift













Denkweisen der Moderne

Einige Denkweisen, die in der Neuzeit eine Rolle spielten und noch spielen, sollen hier vorgestellt werden, um zu einem Überblick zu helfen. / Teil 1 /  Dieser Artikel wurde veröffentlicht am 22.Aug.2021

Die hermeneutische Denkweise

Die ersten paar Abschnitte sollen die Fragestellung für die ganze Artikelreihe Denkweisen der Moderne aufwerfen. Weil es zur Zeit nur einen Artikel gibt, nämlich den zur Hermeneutik, stehen diese Abschnitte erstmal hier. Später könnten sie das Inhaltsverzeichnis anführen.

Die Wissenschaft beherrscht die Neuzeit

Seit mindestens dreihundert Jahren ist die Wissenschaft die vorherrschende Geistesmacht auf diesem Planeten. Es gibt auch keine realistische Alternativkandidatin für diesen schwierigen Job. Welche Geistesmacht sonst sollte der Menschheit als Orientierung und Verständigungsbasis gelten? Schauen wir in die Runde auf der Suche nach eventuellen außerwissenschaftlichen Alternativ-Lösungen:

Vom Christentum als der größten Weltreligion erhofft sich die Menschheit wohl kaum eine weltweite Führungsrolle, besonders seit die Einheit des christlichen Abendlandes in Reformation und Gegenreformation zerbrochen ist. Weder der Vatikan als Kopf der größten Einzel-Kirche, noch der Ökumenische Weltrat der Kirchen als größter Dachverband der übrigen Kirchen würden von der Menschheit insgesamt als maßgebliche Autorität anerkannt werden, ganz zu schweigen von den Tausenden von Minipäpsten der evangelikalen Gemeinden und Freikirchen. Der christliche Fundamentalismus merkt nicht einmal, dass Kreationismus der falsche Punkt ist, Wissenschaft zu kritisieren. Die orthodoxen Kirchen sind ohnehin zu klein und mit ihren Ländern zu arm und zu rückständig. Das skandinavische Luthertum hat zwar in seinen Gebieten die wohl progressivsten Gesellschaften hervorgebracht, aber nicht ganz aus eigener Kraft, sondern immer gemeinsam mit der Wissenschaft und mit anderen profanen Geisteskräften wie Marxismus und Feminismus. Das Christentum insgesamt schickt also keine Kandidatin ins Rennen gegen die Wissenschaft, sondern passt sich ihr an.

Der Islam als zweitgrößte Weltreligion hat immer noch Mühe, sich aus den Folgen des Kolonialismus herauszuarbeiten. Das religöse Wiedererwachen kann für den islamischen Bereich ein kulturelles Selbsbewusstsein zurück gewinnen, aber weder Ölreichtum noch Fanatismus sind Zeichen einer ermutigenden Weiterentwicklung. Der Islam spielt eine wichtige Rolle für die Weltkultur, aber er kann die Wissenschaften nicht ersetzen. Von früherer Geistesgröße, Gelehrsamkeit und Freiheit sind die islamischen Gesellschaften zur Zeit weit entfernt.

Auch der Buddhismus ist keine Alternative für die Wissenschaft. Er hat zwar im Dalai Lama eine weltweit beliebte Gallionsfigur, aber individuelle Weisheit ist noch keine Weltkultur. Der Tibet ist rückständig geblieben und es fragt sich, ob dies nur auf politische Unterdrückung zurückzuführen ist. Welche anderen Strömungen des Buddhismus könnten auftreten als Globalplayer?

Welche nicht-religiösen Kräfte könnten die geistige Führung übernehmen? Die beeindruckende wirtschaftliche Stärke Chinas und anderer ostasiatischer Staaten beruht auf Wissenschaft und auf dem pragmatischem Fleiß der Bevölkerung, aber wo wäre in diesen großen, alten Kulturen eine heute tragfähige geistige Kraft außerhalb der Wissenschaft auszumachen?

Wohl keine der Weltreligionen, keine Philosophie und keine Weltanschauung hat die nötige weltweite Geisteskapazität und Integrationskraft, um der Wissenschaft ihre Rolle als allgemein anerkannte Führungsmacht streitig zu machen. Konkurrenzlos beherrscht die Wissenschaft das Feld. Das ist gut so, werden viele sagen, aber dennoch gibt es Grund zur Sorge.

Berauschende Erfolge

Das menschliche bis übermenschliche Machtgefühl, das die Naturwissenschaft und ihre technischen Resultate seit der Industrialisierung erzeugt haben, war berauschend, aber das Zeitalter der Wissenschaft ist zugleich das Zeitalter des größten Artensterbens, das sich je auf der Erde ereignet hat.

Der Klimawandel ist inzwischen die wohl größte Bedrohung für die Menschheit und für manches andere Leben auf der Erde.

Die Steigerung der Nahrungsmittelproduktion durch die wissenschaftlichen Errungenschaften von Kunstdünger und Pestiziden wurde ein paar Jahrzehnte lang gefeiert als grüne Revolution und Ende aller Hungersnöte. Die Nachwirkungen und die Ausweglosigkeiten der chemischen Landwirtschaft sind heute ein riesiges Problem, nicht nur für die Bienen.

Die Bedrohung der Biosphäre durch die von der Wissenschaft bereit gestellten Atomwaffen und Atomenergien besteht weiter und sehr große Teile der Wissenschaft befinden sich weiterhin im Dienst von Rüstung und Vernichtung.

Die landwirtschaftlichen und medizinischen Möglichkeiten der Gentechnik sind faszinierend, ihre Gefahren unberechenbar.

"Die Wissenschaft kann nichts dafür", rufen ihre Fans und zum Teil auch sie selbst bei jedem der genannten und vielen ungenannten Kritikpunkten. Gerne würden wir dem Zwischenruf Glauben schenken, aber wer war es dann? Welche unsichtbare Macht verwandelt die gloriosen Erkenntnisse der Wissenschaft in tödliches Gift? Gibt es hinter der vorherrschenden Wissenschaft eine andere, womöglich größere Geistesmacht auf diesem Planeten? Vielleicht das Geld? Dann müsste die Wissenschaft sich zuallererst und mit all ihren Kräften gegen diesen Konkurrenten wenden. Tut sie das? Bleiben wir bei der Wissenschaft als Ansprechpartnerin und bitten wir sie, sich selbst zu betrachten. Keine andere Weltreligion oder Weltanschauung hat in den Jahrhunderten ihrer jeweiligen Machtentfaltung den Planeten Erde jemals in einen so gefährdeten und angeschlagenen Zustand versetzt, wie das die Wissenschaft in den dreihundert Jahren ihrer Herrschaft getan hat.

Die Wissenschaft feierte in den Zeiten ihrer Menschheitsführung einen Erfolg nach dem anderen. So ziemlich jeder dieser Erfolge zog dann spätestens ein paar Jahrzehnte später erhebliche Probleme nach sich. Die Bilanz erscheint nur dann berauschend, wenn die Negativposten ausgeblendet werden.

Wissenschaft, wir müssen reden

In der Vergangenheit ereigneten sich Zusammenbrüche von Kulturen meist dadurch, dass sie befangen waren in ihrer jeweiligen geistigen Formation, also ihre eigenen Grundlagen nicht selbstkritisch genug hinterfragten. Ihre Fähigkeit zur Selbstkritik und Selbstkorrektur ist die wohl wesentliche Stärke der Wissenschaft, aber geht diese Selbstkritik weit genug, lautet die überlebensnotwendige Frage. Betriebsblindheit ist ein umso größeres Problem, je größer der Betrieb wird und wahrscheinlich ist Betriebsblindheit ein zu harmloser Begriff für das viel weitergehende Nicht-Durchschauen der in der Moderne wirksamen Triebkräfte.

Was einer Kultur gut täte und heilsam wäre, liegt in der Regel außerhalb ihrer selbst, in unserem Falle also außerhalb der Wissenschaft. Was innerhalb ihrer Logik liegt, hat sie ja schon oder kann es aus eigener Kraft erwerben. Solange die Wissenschaft nur in ihrer eigenen, wissenschaftlichen Weise wahrnimmt, bewertet und weiterentwickelt, bemerkt sie ihre eigenen Skotome nicht. Außensicht ist lebensnotwendig. In diesem Sinne muss die Aufmerksamkeit sich darauf richten, wie die Wissenschaft über ihren eigenen, wenn auch sehr großen Tellerrand hinausblicken kann. Wie kann die Wissenschaft aus sich heraustreten, um aus ein bisschen Distanz sich selbst zu erkennen?

Die folgenden Artikel versuchen einen allgemeinverständlichen Überblick über die verschiedenen Denkweisen der letzten Jahrhunderte zu geben, die in der Wissenschaft eine Rolle spielten und bis heute spielen. Die meisten dieser Denkweisen lassen sich auch unter dem Aspekt betrachten, sie seien solche Versuche der Wissenschaft, aus sich selbst herauszutreten, um sich selbst zu verstehen. Dem soll hier Vorschub geleistet werden. Was dabei wie Größenwahn erscheinen mag, entsteht aus dem bescheidenen Wunsch "... mit unsrer kleinen Kraft zu üben gute Ritterschaft".

Im Hintergrund stehende Fragen

Ist sich die Wissenschaft ihrer Triebkräfte bewusst?
Und woher bekommt sie Außensicht auf sich selbst?
Kennt sie ihr Fußvolk und ihre Fundamentalisten?
Kann sie sich selbst zügeln?
Woraus bestehen die Zügel?
Wer hält diese in der Hand?

Schriftzug Rote Schnur de

Jetzt aber der erste Artikel: Die hermeneutische Denkweise

Das Wort Hermeneutik kommt aus dem Griechischen und bedeutet Übersetzungskunst. Ein Hermeneut ist zunächst einfach ein Dolmetscher. Diese Bedeutung wurde in der Moderne beträchtlich erweitert zu einer umfassenden Kunst des Verstehens. Alle Verstehensprozesse, auch wenn sie innerhalb derselben Sprache stattfinden, können als hermeneutische Vorgänge betrachtet werden. Wo ein Mensch den anderen versteht, oder ein Ereignis versteht, oder ein Kunstwerk versteht, oder sich selbst versteht, geschieht etwas Hermeneutisches. Die Hermeneutik wird seit fast zweihundert Jahren von vielen Geisteswissenschaften als ihre gemeinsame Methode und Grundlagentheorie verstanden.

Die Erfindung der modernen Hermeneutik erfolgte ...

Die Kunst des Verstehens (Hermeneutik) ist das Gegenstück zur Kunst des Redens (Rhetorik), so hat Daniel Friedrich Schleiermacher angefangen, seine Lehre von der Hermeneutik zu entfalten. Das Reden hängt immer schon zusammen mit dem Verstehen, auch mit dem Sichselbstverstehen.

Jedes Reden ereignet sich in einer Sprache und ist nur zu verstehen aus der Gesamtheit dieser Sprache, die der einzelne Mensch nicht erfindet, aber beim Reden auf seine eigene Art anwendet und weiter gestaltet.

Und jeder Mensch entwickelt sich und die Ausdrücke seines Geistes in der Gesamtheit seines Lebens, seiner Umgebung, seiner Geschichte. Das Verstehen muss deshalb auch all dies miteinbeziehen. Hermeneutik umfasst unvermeidlich diese und alle weiteren Themen der Geisteswissenschaften.

Schleiermachers Überlegungen zielten darauf ab, den Geisteswissenschaften eine angemessene Methode zu geben. Er tat dies in einer Zeit, als die klassischen Naturwissenschaften die europäische Kultur beherrschten und ihre Methoden das Ideal von Wissenschaftlichkeit bestimmten.

... gegen die Dogmen der klassischen Naturwissenschaft

In den Glanzzeiten der klassischen Naturwissenschaft durfte als wissenschaftliche Erkenntnis nur gelten, was in wiederholbaren Versuchen immer die gleichen Ergebnisse brachte. Der wissenschaftliche Erkenntnisdrang suchte einerseits nach gleichbleibenden Eigenschaften der Objekte und andererseits sollten Naturgesetze festgestellt werden, die "absolute" Gültigkeit hatten, die also unabhängig waren von Ort und Zeit, von Meinungen und Moden. Nur solche Experimente galten als beweiskräftig, die prinzipiell zu jeder Zeit und an jedem Ort zum gleichen Ergebnis führten. Die Natur berechenbar, vorhersagbar und verfügbar zu machen, war das Ziel dieser Art von Forschung.

Ausgeschlossen von der Wirklichkeit wurden alle einzigartigen Vorkommnisse, die sich zum Beispiel nur an einem besonderen Mittsommervollmond auf dem verwunschenen Hexentanzplatz ereignet hatten. Vor allem aber mussten die Versuche unabhängig von der durchführenden Person sein, also beim selben Aufbau auch dasselbe Ergebnis hervorbringen, egal ob der Experimentator (fast immer ein Mann) gerade mal verliebt war oder gelangweilt oder ob er voller Wut und Ärger experimentierte. Bei korrekter Durchführung des Experiments durften solche subjektiven Zustände keine Auswirkung auf die objektiven Resultate haben. Die Resultate mussten ausschließlich am Objekt festgemacht werden.

Das experimentierende Subjekt wurde nivelliert, aus dem Ergebnis ausgeschlossen. Nur Objektives hatte Anspruch darauf, zur Wirklichkeit gezählt zu werden. Die allgemeingültigen Naturgesetze wurden erzeugt mithilfe dieser drei Bedingungen: unabhängig vom Subjekt, unabhängig vom Ort, unabhängig von der Zeit. So beschaffen war das Netz, mit dem die klassische Naturwissenschaft ihre Gesetze fischte aus dem Ozean des Seins und des Nichtseins.

Der Vorteil des Beweisenkönnens ...

Der Vorteil dieses Verfahrens war seine Einheit schaffende Macht. Wer nach den Regeln der klassischen Naturwissenschaft Wirklichkeit konstruierte, konnte durch experimentelle Beweise Zustimmung erzwingen oder zur Zustimmung gezwungen werden. Zumindest wurde das so gedacht.

Solange wissenschaftliche Versuche prinzipiell in jeder besseren Werkstatt nachgebaut oder wenigstens mit normaler Allgemeinbildung gedanklich nachvollzogen werden konnten, erzeugte dieses Vorgehen große Sicherheits- und Souveränitäts-Gefühle bei seiner Anhängerschaft. "Du musst nichts glauben, ich kann es dir beweisen", lautete die Botschaft. Und angesichts der vielen Glaubens- und Ideologie-Streitigkeiten, für die es seit dem Auseinanderbrechen der mittelalterlichen Welt, keine allgemeinverbindlichen Antworten mehr gab, zog diese Botschaft der Beweisbarkeit unzählige Gläubige an, die sich damit auf der sicheren Seite wähnten.

... brachte für manche Wissenschaften nur Nachteile

Für die Geisteswissenschaften war diese klassische Methode von Wissenschaft nicht anwendbar. Wenn eine Historikerin eine Theorie entwickelte über die Ursachen eines vergangenen Krieges, wie sollte sie die Richtigkeit ihrer Theorie beweisen? Lassen wir den Krieg genauso wie er war noch einmal ablaufen? Wie wecken wir die toten Soldaten wieder auf, um sie noch einmal sterben zu lassen? Wiederholbarkeit war die Bedingung etwas zu beweisen, aber wie wiederholt man geschichtliche Ereignisse? Um die Ursachen des Krieges zu "beweisen", verändern wir beim neuen Durchgang die Stellschraube für Intelligenz bei einem der Diplomaten. Kann das den Krieg verhindern? Beim dritten Durchlauf des Experiments stellen wir versuchsweise ein paar Kanonen mehr auf diese Seite. Wie ändert sich der Kriegsverlauf? Beim vierten Versuch "beweisen" wir, dass der kriegsverursachende Monarch dies nicht getan hätte, wäre ihm an jenem Morgen ein besserer Kaffee serviert worden.

Natürlich ist das alles unmöglich. Die naturwissenschaftlichen Versuchsregeln sind nicht anwendbar auf geschichtliche Ereignisse, denn diese haben sich einzigartig an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit abgespielt und sind nicht wiederholbar. Immer nur im Denkmodell, im Sandkasten, kann ein Ereignis aus der Vergangenheit "nachgespielt" werden. Und solche Denkspiele haben nie die Beweiskraft eines "wirklichen" Geschehens.

Folgt also der Verlauf der Geschichte keinen Gesetzen, sondern nur irgendwelchen Zufällen? Dann kann es eigentlich keine Geschichtswissenschaft geben. So könnte ein Schluss aus dieser Beweisproblematik gezogen werden. Nicht nur für ein großes Geschehen gilt diese Problematik, sondern jede noch so kleine historische Entwicklung. Jede Biographie, jedes Gespräch, jeder Moment ist einmalig, nicht wiederholbar. Die Nichtwiederholbarkeit des zu untersuchenden Gegenstandes entzieht der Geschichtswissenschaft die Beweiskraft des klassischen Experiments.

Inzwischen wurden die Nichtwiederholbarkeiten von der Chaosforschung auch für physikalische und chemische Versuchsanordnungen nachgewiesen. Die vermeintlich klaren Resultate der klassischen Experimente waren nur zustande gekommen durch den Kunstgriff, die Laufzeit des Experiments relativ kurz zu fassen, sie also auf wenige Iterationen zu begrenzen. Viele Faktoren des Geschehens erschienen durch diese Verkürzung als vernachlässigbar und wurden ausgeklammert. So erhält man eindeutige Ergebnisse. Auf längere Sicht aber hat jedes Geschehen sehr viele nicht vernachlässigbare Vorläufe (Anfangsbedingungen) und es hat unendliche Auswirkungen in die Zukunft. Vielleicht ist jedes Ereignis einzigartig, unwiederholbar und unberechenbar, religiös gesprochen: Heilig. Aber zunächst standen nur die Geisteswissenschaften vor diesem Problem. Und auch das religiöse Wort "Heilig" wäre mit den drei genannten Attributen noch nicht ganz erfüllt.

Verstehen ist notwendigerweise subjektiv, also eine Kunst, keine Wissenschaft

Nicht nur an der Nichtwiederholbarkeit der untersuchten Vorgänge scheiterte die Anwendung naturwissenschaftlicher Methoden in den Geisteswissenschaften, sondern vielleicht noch wichtiger war die Rolle des Subjekts. Jedes Geschehen verändert sich durch den Einfluss der beteiligten Menschen, die Subjektivität spielt immer mit. Auch ein experimentelles, verkürztes Geschehen wird unterschiedlich wahrgenommen. Schon der Versuchsaufbau entstammt subjektiven Gehirnen in speziellen gesellschaftlichen Umfeldern. Spätestens bei der Interpretation der Ergebnisse wird unvermeidlich Subjektivität eingebracht. Ein ganz besonderes Geschehen aber ist das Verstehen als solches, das sich geradezu als subjektiver Prozess abspielt.

Nicht nur die Geschichtswissenschaft versagt vor den klassischen Beweisbarkeitsbedingungen, sondern auch in der Psychologie, wenn sie die Gefühle und Taten eines Menschen verstehen will, ist objektive Erfassung ein Problem. Auch den Juristen geht es ähnlich, wenn zwei verschiedene Interpretationsmöglichkeiten eines Gesetzes zur Diskussion stehen. Es lässt sich nicht im Versuchsaufbau mit Kippschalter, Glühbirne und Kondensator beweisen, welche Meinung richtig ist und welche falsch. Nicht nur Wiederholung ist unmöglich bei einzigartigen, komplexen Vorgängen, auch der Ausschluss des Subjekts geht nicht bei Prozessen des Verstehens.

Die Geisteswissenschaften brauchen Subjektivität. Für den Vorgang des Verstehens ist ein Subjekt notwendig. Das Verstehen vollzieht sich im Subjekt und das Subjekt ist sein wichtigstes Werkzeug. Etwas verstanden haben oder nicht verstanden haben sind Zustände des Subjekts, keine Eigenschaften des Objekts. Und beim Versuch die Zustände des Subjekts zu objektivieren, z.B. als hirnphysiologisch erfassbare Messdaten, würden seine vielfältigen Beziehungen zu "anderen Objekten", zur "Ganzheit der Welt" und zu "sich selbst" ausgeklammert, abgeschnitten, zerstückelt.

Mit der Notwendigkeit, das Subjekt einzubeziehen, verstoßen die Geisteswissenschaften gegen die objektivistischen Methoden der klassischen Naturwissenschaften. Die unverzichtbare Subjektivität schließt das Verstehen aus der klassischen naturwissenschaftlichen Methodik aus. Die Hermeneutik ist also "klassisch" gesehen keine Wissenschaft, sondern eine Kunst.

Hermeneutik ist die Kunst des Verstehens

Hermeneutik ist die Kunst des Verstehens. Jedes Gespräch zwischen zwei Menschen, jede Betrachtung eines Kunstwerkes, jede Interpretation eines Textes ereignet sich als ein subjektiver Vorgang. Wenn du daran arbeitest, einen anderen Menschen zu verstehen oder ein Gedicht zu verstehen, oder überhaupt irgendetwas zu verstehen, dann bist du selbst, du als wahrnehmendes Subjekt, dein wichtigstes Werkzeug. Immer ist dein Subjekt im Einsatz, mit allen Vor- und Nachteilen.

All deine subjektiven Erfahrungen können eine Ressource sein für das Verstehen. Deine Lebensgeschichte, deine Erinnerungen und Gefühle, deine Vorkenntnisse und Assoziationen können hilfreich dafür sein, können Brücken bilden zum besseren Verständnis.

Aber alle Anteile deiner Subjektivität können auch eine Störung sein, ein Hindernis, eine Täuschung, eine Projektion. Das wichtigste Werkzeug der Verstehensarbeit ist zugleich das trickreichste Handicap für diese Arbeit. Deshalb muss dieses Werkzeug sorgfältig gepflegt und überprüft werden. Die Kunst des Verstehens erfordert eine Verfeinerung und Präzisierung ihres Werkzeuges, eine Kultivierung des Subjektes.

Es ist kein unbeeinflussbarer Zufall, ob Verstehen gelingt und wie gut es gelingt, sondern diese Kunst kann eingeübt und weiterentwickelt werden. Alle Geisteswissenschaften machen diese Erfahrung und gewinnen daraus Sicherheit und Gemeinsamkeit. Als unberechtigt erweist sich die Sorge, jede Beteiligung des Subjekts verwandle den Erkenntnisvorgang in bloße Willkür und entziehe ihm jedweden Geltungsanspruch.

Hermeneutik ist eine besondere, geisteswissenschaftliche Methode

Die Kunst des Verstehens kann miteinander geteilt werden. Sie kann zu gangbaren Schritten, zu einem nachvollziehbaren Weg ausgebaut werden. Ein Weg, der so beschrieben ist, dass er von anderen nachgegangen werden kann, heißt Methode, auch wenn es eine andere Methode ist, als der klassische Objektivismus. Die Vorgehensweise des Verstehens kann beschrieben und weiterentwickelt werden. Die subjektiven Ergebnisse können miteinander verglichen und nachgeprüft werden. Sie werden gesellschaftlich nachvollziehbar und erzeugen damit gemeinsame Kultur. Insofern ist Hermeneutik doch auch eine Methode, ein gemeinsam zu gehender Weg, über den sachlich diskutiert und Rechenschaft abgelegt werden kann.

Obwohl es im Verstehen keine zwingenden Beweise gibt, lassen sich doch Qualitätsunterschiede feststellen in den Theorien, in den Meinungen, in den Argumenten. Es bilden sich Gemeinsamkeiten im Verstehen. Wie geht das, wenn es keine zwingenden Beweise gibt?

Freiwillig, ungezwungen finden wir manche Argumente einleuchtend, manche Interpretationen sinnvoller. Diese freiwillige Verständigung ist sogar für das Zusammenleben der Menschen von höherem Wert als irgendein zwingender Beweis, weil sie nicht als Kampf gegeneinander, sondern als Übereinstimmung miteinander gewonnen wurde. Das Verfahren selbst trägt den gegenseitigen Respekt voreinander schon in sich. Ebenso ist die Freiheit bereits in der Methode enthalten. Es gibt keinen Zwang. Verstehen ist eine sehr freiwillige Aktionsform.

Bei aller Subjektivität ist das Verstehen doch nicht willkürlich. Nicht das Beweisen ist das Ziel, sondern das Überzeugen. Vertrauen in die Ergebnisse entsteht durch Teilnahme am Verständigungsprozess. Woran wird die Qualität des Verstehens festgestellt? Nach welchen Regeln gewinnen Geisteswissenschaften ihre Argumente und Einsichten, ihre Überzeugungsmöglichkeiten und Übereinstimmungen, obwohl das "Beweis"-Verfahren nicht vollständig objektivierbar ist? Auch das lässt sich hermeneutisch beschreiben. Die Herangehensweisen in den einzelnen Fachgebieten (Literaturwissenschaft, Theologie, Jura usw.) lassen sich vergleichen und verbessern. Es gibt Erkenntnisfortschritte. Die Kunst des Verstehens kann gelehrt und gelernt werden, zumindest teilweise.

Hermeneutik ist also doch in gewisser Weise wissenschaftlich. Sie ist eine Methode. Hermeneutik ist die besondere Methode der Geisteswissenschaften. Damit ist Hermeneutik zugleich eine wissenschaftliche Kritik nicht nur an der klassischen Definition von Wissenschaftlichkeit, sondern auch am Weltbild der so definierten Wissenschaft.

Verstehen ist die Verbindung zwischen dem Vertrauten und dem Unvertrauten.

Das Vertraute ist mein bisheriger Verständnis-Horizont. Was ich verstanden habe, kann als eine Art Sammlung aus der Vergangenheit angesehen werden. Es umfasst meine bisherigen Ansichten und Einsichten, meine Kenntnisse und Erfahrungen, meine Lüste und Schmerzen, meine Erlebnisse und Verletzungen, meine Körperrhythmen und Bewegungsabläufe, meine Stärken, Handycaps und Gewohnheiten, soweit ich sie angenommen, verarbeitet und verkraftet, in mein Selbstbild und Weltbild eingeordnet, also verstanden habe. Meine Heimat, seelisch, geistig, körperlich, familiär, sozial und religiös, besteht aus all diesen Vertrautheiten, soweit mein Verstehen reicht, dies alles zu integrieren.

Das Fremde, das noch Unvertraute, was noch außerhalb meines Verständnis-Horizontes liegt, wäre dann die mögliche Zukunft. Ansichten, die ich noch nicht verstehe, oder noch gar nicht kenne, gehören dazu. Ereignisse und Erlebnisse, die noch kommen sollen, werden mein Verstehen brauchen. Unerfülltes Begehren ist eine Öffnung auf die Zukunft. Zukünftige Begegnungen und noch ausstehende Entwicklungen werden in Beziehung treten zum Bisherigen. Blicke, Gespräche, Berührungen werden mich verändern. Das Leben und das Verstehen arbeiten ineinander.

Andere Horizonte

Andere Menschen leben in anderen Verständnis-Horizonte, anderen Sammlungen aus ihrer Vergangenheit, anderen Körpern, anderen Familien, anderen Sprachen. Je unterschiedlicher die Kulturen, in denen Menschen heranwachsen, desto unterschiedlicher sind meist auch ihre Verständnis-Horizonte, ihre geschichtlichen Erfahrungen. Die Anderen sind keine Konkurrenten, die besiegt, keine Feinde, die unterworfen werden müssten, sondern die Vielfalt der Verständnisweisen sind ein geistiger Reichtum für alle. Dieser Reichtum ist nicht zur Beherrschung, zur Ausbeutung bestimmt, sondern zum gegenseitigen Verstehen. Bitte spüren Sie das kritische Potential der Hermeneutik gegenüber der objektivistischen Wissenschaft.

Und nicht nur Menschen, sondern jeder Text, jedes Kunstwerk, jedes geistige Objekt ist in einem eigenen Verständnishorizont entstanden, trägt Erfahrungen mit sich. Wo sich mein Horizont mit dem eines Textes überschneidet, liegen die Gemeinsamkeiten, also die Ansatzpunkte für das weitere Verstehen. Was außerhalb davon liegt, ist mir erst einmal fremd. Das Unvertraute, Unverstandene, Fremde ist der für mich neue Horizont. Je weniger Überschneidungsgebiet existiert zwischen meinem Horizont und dem des zu verstehenden Objektes, desto fremder, unsinniger, unverständlicher erscheint es mir.

Die Arbeit des Verstehens

Auch in der Sammlung, die ich für das mir Vertraute halte, könnten unerkannte Widersprüche lauern, könnten neue Fragen aufbrechen, für die mein bisheriges Verständnis keine Antwort hat. Dann wechseln sie zum Unvertrauten. Das Vertraute ist also kein Gebiet, das fest in meinem geistigen, seelischen, körperlichen Besitz wäre, sondern es ist ein Zustand, der sich ändern kann. Verstehen ist ein dynamischer Zustand, eine Arbeit, ein Prozess.

Wenn etwas nur vertraut ist, könnte es langweilig werden. Harmlos ist die Art des Verstehens, bei der ich mich nicht verändere. Manches bewegt sich in meinen Verständnis-Horizont herein, lässt sich einsortieren, verändert nur die Sammlung innerhalb des bestehenden Sichtkreises. Aufregend ist dagegen die Erweiterung meines Horizontes, also wenn ich mich bewege aus meinen bisherigen Grenzen hinaus in die Fremde. Mein bisheriger Verständnishorizont soll erweitert werden in das Fremde, Unverstandene hinein. Die Begegnung mit dem Fremden ist die Aufforderung zum Aufbruch zu neuen Ufern.

Das Verstehen geschieht in der Verschmelzung der beiden Horizonte. Mein Verständnishorizont verbindet sich mit dem mir bisher fremden Verständnishorizont eines Textes, eines anderen Menschen, einer anderen Kultur. Das ist Verstehen in Aktion, die Gegenwart des hermeneutischen Prozesses.

Vorverständnis

Von hier aus gesehen heißt das Vertraute und aus der Vergangenheit Gewonnene nur "Vorverständnis" und dieses soll sich ändern. Trotzdem wird es als wertvoll angesehen, denn das Vorverständnis ist der Ort, auf dem ich stehe, die Basis und der Ansatzpunkt auch für seine Veränderung. Die Bezeichnung als Vorverständnis bedeutet schon auch eine Infragestellung des Vertrauten. Wer verstehen will, verschanzt sich nicht im schon Verstandenen, sondern wagt sich an das noch nicht Verstandene heran und riskiert damit, sein bisheriges Verständnis zu verändern. Das gehört zum gelebten Leben in der Zeit, weniger zu einem technischen Fortschrittsglauben.

Da das schon Verstandene auch in einem sehr weitgehenden Sinne meine Identität ist, nicht nur mein geistiger Besitz, darum ist das Verstehenwollen auch eine Selbstinfragestellung. Sich selbst in Frage zu stellen ist der hermeneutische Weg zur Wahrheit. Dem Gegenüber mit Vertrauen zu begegnen und die bisherige eigene Meinung als eventuelles Vorurteil zu hinterfragen, ist eine mutige Art, mit Vergangenheit und Zukunft umzugehen.

Zukunftsoffenheit

Die Zukunft entsteht aus der Begegnung der Verständnishorizonte. Im Verstehen erweitert sich der Horizont. Der Text, das Kunstwerk, das Gegenüber ist hermeneutisch gesehen ein Teil meiner Zukunft. Das Andere enthält meine Chance zur Horizonterweiterung. Das Fremde tut mir gut, weil ich mit dem Verstehenlernen meine eigenen Lebensmöglichkeiten erweitere. Hermeneutik ist eine wohlwollende Herangehensweise, eine zukunftsorientierte, aufgeschlossene, optimistische Bereitschaft zur Begegnung mit dem Neuen. Wer verstehen will, schaut hin, hört zu, tastet sich heran. Und besonders das Zuhören ist eine der friedlichsten und zukunftsträchtigsten Tätigkeiten nicht nur des Menschen.

Geschichtsbewusstsein

Die Vergangenheit liegt als Schatz in meinem Vorverständnis. Der Umgang mit der Vergangenheit ist wohlwollend, behütend und wertschätzend. Ich brauche meine Vergangenheit als Verständnispotential. Ich aktiviere die alten Erfahrungen und Erkenntnisse als Instrumente für das weitere Vorgehen. Gleichzeitig aber ist Geschichtsbewusstsein eine Analyse der Vergangenheit, auch eine Infragestellung, um die darin liegenden Beschränkungen zu erkennen und zu überwinden. Das Neue, das Fremde, das Andere stellt die Fragen. An diesen Fragen erkennt das Alte, das Vertraute, das Verstandene sich selber und seine Grenzen und erweitert diese.

Die Klärung des eigenen Vorverständnisses

Die Klärung des eigenen Vorverständnisses ist ein wichtiges Element hermeneutischer Arbeit. Bei jedem Wort, das ich lese oder höre, besteht mein Verstehen zunächst aus meinen früheren Begegnungen mit diesem Wort. Was ich vorher im Zusammenhang mit diesem Wort (diesem Satz, den darin angesprochenen Inhalten) erlebt, gelernt und verstanden habe, ist die Basis für den nächsten Schritt. Zu jedem Verstehen ist das vorhandene Vorverständnis eine Hilfe.

Alles Bisherige ist aber zugleich mein Vorurteil über dieses Wort, diese Aussage, diesen Gegenstand, diesen Inhalt. Im neuen Text könnte die Bedeutung des Wortes abweichen. Mein Vorverständnis behindert mich im Erkennen der abweichenden, neuen Bedeutung. Vorverständnis ist notwendiges Rüstzeug aber zugleich hinderliche Begrenzung. Ein großer Teil von Unverständlichkeit beruht erfahrungsgemäß darauf, dass Text und Ausleger*in von verschiedenen Vorverständnissen ausgehen. Um zu verstehen, muss ich mein Vorverständnis überprüfen und vergleichen mit möglichen anderen Vorverständnissen, die in den Text hineingewirkt haben, besonders bei seiner Entstehung.

Diese Klärung kann nicht im Voraus erledigt werden, sondern geschieht mitten in der Verstehensarbeit, weil ich erst in der Begegnung mit dem Anderen (Text, Mensch, Kunstwerk, Welt, Gott) erfahre, wo mein Verständnishorizont abweicht von dem des Anderen, wo also mein Vorverständnis unzureichend ist.

Die hermeneutische Demut

An der Klärung des eigenen Vorverständnisses zu arbeiten, ist gleichzeitig das Zugeständnis der eigenen Begrenztheit, also eine Art Demutsübung. Diese hermeneutische Demut ist keineswegs unterwürfig gegenüber einem Mächtigen, einer Hierarchie, einem Apparat, einem System oder einer Dogmatik, sondern sie ist die Selbstinfragestellung des untersuchenden Subjektes gegenüber dem zu untersuchenden Objekt. Diese Demut wird geübt, weil sie zum Verstehen hilft.

Das demütige Verhältnis des Subjekts zu seinem Objekt macht die Wahrnehmung zu einer vertrauenswürdigen, herrschaftsfreien Beziehung. Untersuchen heißt in der Hermeneutik nicht, beherrschbar machen. Es geht nicht darum das Objekt der eigenen Macht zu unterwerfen, sondern Verstehen heißt, die Eigenmacht, die Freiheit, die Wahrheit, vielleicht sogar die Lebendigkeit des hoffentlich sinnhaltigen Objektes höher zu achten, als mein bisheriges Denken.

Wo meine Begrenztheit mir bewusst wird, steigt die Bereitschaft, etwas dazu zu lernen. Ziel ist es, den eigenen Verständnishorizont so zu erweitern, dass ich den Verständnishorizont des Textes mit meinem eigenen verschmelzen kann. Was mir am Text widerstrebt, könnte ein Hinweis sein, wo genau mein Horizont noch zu eng ist. Daraus ergibt sich ein weiteres Element.

Die hermeneutische Grundentscheidung

Das weitere Element ist die sogenannte hermeneutische Grundentscheidung, nämlich dem Text einen Vertrauensvorschuss zu geben. Wer versucht zu verstehen, braucht das Vorurteil, dass da etwas zu verstehen sei. Hermeutisches Arbeiten erfordert das Vertrauen, dass das Gegenüber (der Text, das Kunstwerk, das archäologische Fundstück, das ethnologisch untersuchte Ritual, das Gespräch, der Traum ...) einen Sinn hat.

Der Vertrauensvorschuss ist notwendiger Bestandteil, um den Verstehensprozess in Gang zu setzen. Wenn ich an einem Text etwas nicht verstehe, dann sage ich nicht: "Der Text ist blöd", sondern ich versuche es mit der Einstellung: "Wo bin ich noch zu blöd?" Beim Lesen eines unverständlichen Satzes heißt eine gute Frage: "Was fehlt mir zum Verstehen?" Im Vertrauen auf einen irgendwie gearteten Sinn des Textes gehe ich über meine eigenen Verständnisgrenzen hinaus und versuche das zu begreifen, was mir vorher fremd war. Das Vertrauen in die potentielle Sinnhaftigkeit des mir Begegnenden, ist größer als die Selbstbehauptung in meinem bisherigen Horizont. Jedes Verstehen basiert auf diesem vorausgehenden Vertrauen. Und jedes Verstehen ist eine Grenzüberschreitung. Im Verstehen geht das Subjekt über seinen bisherigen Verständnishorizont hinaus in neue, bisher noch unverstandene Gebiete.

Der hermeneutische Zirkel

Es war wohlgemerkt die Hermeneutik selbst, die sich immer wieder die Frage stellte, ob der hermeneutische Weg, indem er von einem Vorverständnis ausgeht um zu einem erweiterten Verständnis zu gelangen, nicht gefangen bleibe in Zirkelschlüssen, also in sich selbst. Ähnelt nicht die hermeneutische Methode einem Baron Münchhausen, der sich selbst am eigenen Schopf aus der Grube gezogen haben will? Mit der Hand am Arm, dem Arm an der Schulter, der Schulter am baronesken Leib und mit dem ganzen Baron aus dem Dreck heraus zu schweben, ist das Hermeneutik?

Ein Zirkelschluss ist ein Denkfehler, bei dem das erst noch zu Beweisende bereits in den Argumenten, die als Beweis benutzt werden, enthalten ist. Nehmen wir zum Beispiel folgende (- nicht-hermeneutische -) Beweisführung: "Die Naturwissenschaft hat nun einige Jahrhunderte lang gezeigt, dass sie die effektivsten Werkzeuge zur Umgestaltung der Natur liefert. Zur Lösung der derzeitigen Probleme mit der Natur, sollte sich die Menschheit logischerweise vollumfänglich auf die Naturwissenschaft verlassen."

Dieses Beispiel für einen Zirkelschluss ist zugegebenermaßen nicht strikt auf den Bereich der Logik beschränkt, sondern verbindet den vermeintlich logischen Schluss mit den geschichtliche Entwicklungen, ihrer Interpretation und einer selbstgeschaffenen Situation. Eben darin liegt die Problematik der Zirkelschluss-Frage in der Hermeneutik. Von woher soll der Mensch, der selbst immer als ein geschichtliches Wesen an einem bestimmten Ort und in einer bestimmten Zeit lebt, irgendeine voraussetzungslose Beweisgrundlage gewinnen?

Die Zirkelschluss-Kritik ist immer nur gegen einzelne, abgrenzbare Denkoperationen sinnvoll. Nur wenn es unabhängige, außerhalb der jeweiligen Denkoperation liegende Standpunkte gibt, können diese als Basis der Beweisführung oder der Widerlegung verwendet werden. Der Mensch mit seinem Verstehen steht aber innerhalb des Verstehensprozesses und alle "von außen" kommenden Argumente können für das Verstehen auch nur wirksam werden, indem sie in den Verstehensprozess mit seinen Bedingtheiten herein genommen werden.

Die Zirkelschluss-Frage wurde in großen philosophischen Werken bearbeitet und das Schlagwort "hermeneutischer Zirkel" wird inzwischen fast als pauschaler Titel für diesen Bereich der Philosophie verwendet. Die vorfindliche Befangenheit des Menschen in seinem Vorverständnis muss nicht einmal ein Hindernis auf dem Weg zur Wahrheit sein, sondern könnte geradezu die Hoffnung bekräftigen, dass der Mensch fähig sei, Wahrheit zu finden. Etwa in diesem Sinne argumentiert der Philosoph Martin Heidegger: Der Mensch ist selbst etwas Seiendes und hat von daher ein Vorwissen vom Sein. Der Zirkelschluss des Verstehens wäre demnach auf ein sehr fundamentales Wissen gegründet.

Die Münchhausen-Metapher ließe sich umgekehrt anwenden auf alle objektivistischen Versuche menschlichen Denkens: Welcher baroneske Drang treibt den Menschen in die Illusion, absolutes Wissen, ewiges, ubiquitäres Wissen schaffen zu können? Wollen die Philosophien durch bloße Denkkraft das Sein aus dem Nichts ziehen? Mit welcher trickreichen Hand an welchem haarigen Schopf will das Menschlein sich aus dem Sumpf seines beschränkten Erkennens ans Ufer ewiger Wahrheit hieven?

Nach-klassische Naturwissenschaft nähert sich der Hermeneutik an

Zu Beginn, bei der Entstehung der hermeneutischen Denkweise, konnte es den Anschein haben, als wäre Hermeneutik eine Notlösung für jene Gegenstände, die der exakten wissenschaftlichen Untersuchung nicht so leicht zugänglich waren. Der Hort der Wissenschaftlichkeit lag in der Physik, drumherum die anderen Naturwissenschaften und erst ganz am Rande, für Viele schon außerhalb der Burgmauern, kamen dann die Geisteswissenschaften mit ihrer Hermeneutik. Die eigentliche Sicherheit, das vertrauenswürdige Zuhause einer bewiesenen Wirklichkeit wurde in der "Science" gesehen. Die "Artes" galten als nur geduldete, quasi angekränkelte Mitbewohner in der Festung der Wissenschaften.

Diese Hierarchie hat sich bis heute gehalten, aber nur in den rückständigen Bereichen der wissenschaftsgläubigen Communities. Im Kern, in den Wissenschaften selbst, vollzogen sich währenddessen einige Umbrüche.

Von der Mikrobiologie herkommend hat beispielsweise Ludwik Fleck schon 1935 in seinem Werk "Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache" die Abhängigkeit wissenschaftlicher Erkenntnis vom gesellschaftlichen Kontext beschrieben.

Von der Quantenphysik hat Werner Heisenberg spätestens in den 50er Jahren bekannt, dass sie wohl eine Geisteswissenschaft sei, weil es ihre Objekte nicht in bloßer Objektivität gäbe, sondern nur in inniger Verquickung mit dem Geist.

Wissenschaft selber ist etwas Geschichtliches. Auch die klassischen Naturwissenschaften waren Teil einer geschichtlichen Epoche. Ihre Ergebnisse waren Produkte menschlichen Geistes und verändern sich im Lauf der weiteren Geschichte.

Woraus besteht Wirklichkeit, woraus Wissenschaft?

An vielen Stellen fraglich geworden ist das sichere Selbstbewusstsein der alten Wissenschaft, sie sei die fortwährend sich erweiternde Sammlung von objektivem, immer und überall gültigem Wissen über eine objektive, immer und überall gültige Wirklichkeit. Vielmehr zeigt die Geschichte der Wissenschaft, dass vermeintliche "Tatsachen" immer wieder umgebrochen werden durch neue Sichtweisen und Theorien. Jede Epoche und jede Gesellschaft schaffen sich ihre je eigenen Vorstellungen von Wirklichkeit und sie wirken damit heftig auf die Entwicklungen sowohl der Kultur als auch auf die der Natur ein.

Ob es eine objektive Wirklichkeit gibt, die an und für sich selber ist, kann in unterschiedlichsten Varianten weiterhin diskutiert werden, aber die einstige Sicherheit und Selbstverständlichkeit eines solchen Weltbildes ist längst nicht mehr wissenschaftlich gerechtfertigt. Die Denkweise der Hermeneutik hat, obwohl quasi als Minderheitenvotum, die Weltsicht an vielen Stellen verändert, auch wenn die alte Sichtweise noch in manchen Milieus festsitzt. Selbst außerhalb der Hermeneutik erscheinen immer mehr Sätze, wie zum Beispiel der, dass Sein und Bewusstsein nur in gegenseitiger Abhängigkeit voneinander existieren können.

Der Wunsch nach einer sicheren Unterscheidung von wirklich und unwirklich wurde durch die zwingenden Beweisfahren von Materialismus und Objektivismus nur zeitweise erfüllt. Hier soll der Verdacht ausgesprochen werden, dass die Nachwirkungen dieser Wunscherfüllung und der damit verbundenen Engführung des Wirklichkeitsbildes, alles andere als harmlos sein könnten. Vielleicht gefährden sie den Fortbestand des Lebens auf diesem Planeten. Den Hintergrund des Verdachtes bilden zunächst die geistigen Zeitgenossen, mit denen die Wissenschaft in die Geschichte tritt.

Die Zeitgenossenschaft

Geschichtlich gehören die klassischen Naturwissenschaften zum Zeitalter von Kapitalismus, Kolonialismus, Nationalismus, Rassismus, Eurozentrismus und einigen anderen Ismen. Die Wissenschaften entwickelten sich in geistiger Nähe und in gegenseitiger Beeinflussung mit diesen Ideologien und Irrtümern, auch wenn sie dies sich und ihrer Anhängerschaft nur ungern bewusst machen.

Im Wunsch nach einem zwingenden Beweisverfahren drückt sich auch die Unkultur einer hierarchischen, disziplinorientierten Gesellschaft aus. Psychologisch zeigt dieses Beweisenwollen ein Dominanzgebaren, das die Wahrheitssuche eher gefährdet als ihr zu dienen. Wo Durchsetzungskraft und Herrschaftsansprüche im Vordergrund stehen, werden abweichende Meinungen und andersartige Verständnisse als Gegner wahrgenommen. Die "gegnerische" Theorie besiegen zu wollen, ist dann nicht nur Teil der wissenschaftlichen Meinungsbildung, sondern prägt auch den Umgang mit der Natur. Die Wissenschaft von der Natur wird zum Beherrschen der Natur.

Es ist kein Zufall wenn diese Art von Wissenschaft eifrig in den Dienst der wirtschaftlichen Akteure tritt. Sie passt gut zu mächtigen und machtsuchenden Organisationen und verbindet sich gerne mit diesen. Die Erforschung der Natur trägt über weite Strecken die Züge eines beutegierigen Feldzuges, für den entsprechend gerüstet werden muss.

Solche Fehler in den geistig-kulturellen Wurzeln der Wissenschaft hängen desweiteren zusammen mit den Geschlechterrollen, mit dem Menschenbild und Selbstbild, und mit den oft unbewussten religiösen Untergründen einer Kultur. Die manchmal geäußerten Unschuldsbeteuerungen der Wissenschaft, sie hätte mit all ihren Zeitgenossen nie etwas zu tun gehabt, sind äußerst unglaubwürdig und verraten nur, wie wenig Selbsterkenntnis ins Bild der Wissenschaft eingeflossen ist.

Wahrheitsmodelle und die darin enthaltenen Vorurteile

In einer von Konflikten und Konkurrenz geprägten Geschichte, wird auch die Wahrheit von vornherein nur noch als "Siegerin" in einem Streit gedacht und die Streithähne färben sie mit ihren Farben, besonders aber mit dem Streit selbst, als der gemeinsamen Farbe der Kontrahenten.

Wo die Wahrheit durch ein Duell widerstreitender Theorien gewonnen werden soll, erobert schließlich die kampfstärkste Theorie den Thron, nicht die der Wahrheit am nächsten kommende. Die Kontrahenten trainieren sich darauf, die Schwächen der eigenen Theorie zu verheimlichen, die der gegnerischen bloß zu stellen. Beides erzeugt ein Gefälle zur Unwahrheit. Taktisches Geschick, großspuriges Auftreten und viele andere Kampfmittel gewinnen Einfluss auf das Ergebnis. "Der Stärkere" gewinnt und die Stärken liegen oft nicht in den inhaltlichen Qualitäten der zu diskutierenden Theorien, sondern in ihrer jeweiligen Streitkraft, die eloquent oder intrigant oder finanziell oder sonst irgendwie bestimmt sein kann.

Die moralischen Fehler der Gesellschaft spiegeln sich wieder in ihrer Wissenschaft. Auch die politische Kultur des Debating setzt ein kämpferisches Wahrheitsmodell voraus und nimmt damit teil an den genannten Fehlentwicklungen. Soll eine Wissenschaft sich entwickeln als Hilfe zur Wahrheit und als Stärkung von Vertrauen und Gemeinsamkeit, braucht es weniger Debating und mehr Hermeneutik.

Im Kontrast zu den streitsüchtigen Modellen von Wahrheit steht der hermeneutische Weg zur Wahrheit. Mit den Elementen Vertrauensvorschuss und Zukunftsoffenheit, Selbstinfragestellung und Horizonterweiterung, wird Wahrheit auf friedlichem Wege angestrebt. Nur so sei sie zu finden. Für die Hermeneutik liegt die Wahrheit außerhalb von Streitigkeiten und Streitparteien. Der Weg zur Wahrheit braucht die Kräfte von Feingefühl und Mitgefühl. Die eigenen "Streitkräfte" müssen auf diesem Weg gezügelt und zurückgenommen werden, weil sie von der Wahrheit eher wegführen würden. Wahrheitsfindung wird erlebt als Friedensfindung und als ein Herausbilden von Gemeinsamkeiten und respektierten Unterschieden.

Taugt Hermeneutik für Konflikt-Situationen?

Ist Hermeneutik harmoniesüchtig? Ist mangelnde Konfliktfähigkeit ihr Fehler? Hermeneutische Versuche in Konflikt beladenen Verhältnissen können ziemlich problematisch verlaufen. Wo Einzelne oder Gruppen im Streit liegen um Ressourcen oder um Durchsetzung ihrer Macht- und Eigentumsansprüche, kann es sein, dass besseres Verstehen des jeweils Anderen nicht weiterhilft. Unerkannte, tiefer liegende Ursachen eines Konfliktes oder geschichtliche Ursachen einer Feindschaft können zwar hermeneutisch aufgedeckt werden, aber ob das den sachlichen Zankapfel hilfreich unter die Kontrahenten verteilt, ist eine andere Frage.

Es könnte sogar passieren, dass hermeneutisch klingende Formeln benutzt werden, um anderweitige Widersprüche zu verharmlosen und zu verschleiern. Dann wäre es ein Missbrauch von Hermeneutik. Mühevoll könnte auch der Einsatz von hermeneutischen Methoden zur Aufklärung kleiner, kurzzeitiger Konflikte und Meinungsunterschiede werden, weil die Verstehensarbeit einen viel zu großen Aufwand treibt für ein unter Umständen belangloses oder schnell wieder verschwindendes Objekt. Nur wenn dasselbe Muster zum Beispiel von Meinungsunterschieden häufig wiederkehrt, könnte sich die hermeneutische Suche nach dem darunterliegenden, unverstandenen Grund lohnen.

Hermeneutik ist also eher ein Werkzeug zur Arbeit an längerfristigen Vorgängen, an Prozessen der "Longue durée". Für Kurzstreckenrennen ist sie zu schwerfällig.

Gesellschaftliche Bedingungen des Verstehens

Jürgen Habermas machte aus der bloß individuellen Erhebung des Vorverständnisses die Frage nach dem erkenntnisleitenden Interesse. Damit wird die gesellschaftliche Bestimmtheit der Verstehensprozesse in den Blick genommen. Habermas unterscheidet zwischen dem Interesse am technischen Verfügbarmachen und dem Interesse an der menschlichen Verständigung in der Lebenswelt. Er kritisiert die Überschätzung der Wissenschaft bis hin zu ihrer Ideologisierung in Scientismus und Positivismus.

Wie würde sich solche hermeneutisch inspirierte Kritik - weniger philosophisch - auf den Wissenschaftsbetrieb auswirken? Wer finanziert eine wissenschaftliche Untersuchung? Das gehört zum Vorverständnis, muss also hinterfragt werden. Unter welchen hierarchischen Bedingungen wird eine Studie erarbeitet? Welche Rückwirkung werden die Ergebnisse der Untersuchung auf die Karriere der mitarbeitenden Wissenschaftler*innen haben? Auch das sind Teile des gesellschaftlich wirksamen Vorverständnisses und müssten in der Studie, in der Untersuchung jeweils im Gegenüber zum Forschungsgegenstand reflektiert und verändert werden.

Jürgen Habermas bildet eine gute Brücke zwischen der Kritischen Theorie von Horkheimer und Adorno und der Hermeneutik, und sein Engagement hat vielen geistigen Entwicklungen gut getan, aber so soweit geht es dann wohl doch nicht, dass derartige Ausläufer der Hermeneutik in praktizierte Wissenschaftsethik umgesetzt würden. Es wird wahrscheinlich nicht einmal gewagt, sie als Utopie zu imaginieren.

Wissenschaftsethik wird zwar seit einigen Jahrzehnten als dringend notwendig wahrgenommen, aber meist erscheint sie nur als von außen zu setzende, moralische Grenzziehung. Und solche moralisch gesetzten Grenzen wurden in der Geschichte meist überrannt von den skrupelloseren Zweigen der Wissenschaft. Welche Moral und welche Skrupellosigkeit liegen im Wesen der Wissenschaft? Und wann und wie sind sie dahin geraten? Die Wissenschaft wächst aus der Gesellschaft und hat Mühe, ihr ein wirksames Gegenüber zu bilden, solange sie sich selbst nur unzureichend erkennt.

Neben den äußeren Abhängigkeiten von anderen gesellschaftlichen Kräften, mit denen sich Wissenschaft manchmal entschuldigt, ist sie vielleicht auch befangen in ihren eigenen unverstandenen Wurzeln. Das Unbewusste heißt so, weil die Betroffene es nicht weiß. Die bloße Gefahrenabschätzung wissenschaftlich-technischer Entwicklungen vermag die Gefahr nicht zu erkennen, die in den unbewussten Triebkräften der Wissenschaft selber liegt. Da geht es um den grundsätzlichen Mangel an hermeneutischer Qualität.

Feministische Hermeneutik

Luce Irigaray als feministische Psychoanalytikerin betreibt hermeneutische Experimente, indem sie die in unserer Kultur durchweg männlichen Bestimmungen von "Subjekt" aufdeckt. Aus männlichem Denken und Fühlen seien Mythen, Dichtungen und Philosophien entworfen. Die Frau existiere bisher nur als das vom Mann her gedachte Andere, nicht als eigenes Subjekt. Weibliche Subjektivität müsse erst noch erfunden werden. Irigaray sucht nach weiblicher Subjektwerdung gegen die vorherrschende Einheit von Phallus und Logos.

Schon Sigmund Freuds Psychoanalyse ließ sich als Heilung durch bloßes Verstehen interpretieren. Sowohl in der Ausrichtung auf das Verstehen, als auch in der bewussten Beteiligung des Subjektes, ist Psychoanalyse eine hermeneutische Disziplin. Die "Verrücktheiten" werden "zurückgerückt" in ihren ursprünglichen, verdrängten Lebenszusammenhang, damit finden sie ihren Sinn wieder und das bewirkt die Heilung.

Luce Irigaray legt Freuds Beschreibung von Weiblichkeit auf die Couch und setzt sich als Analytikerin daneben, um die Verdrängungen des Weiblichen in Freuds Theorie aufzudecken.

Ebenso dekonstruiert sie beispielhaft Martin Heideggers nur männliche Erd-Philosophie, indem sie nach vergessenen, potentiell weiblichen Elementen fragt, zum Beispiel der Luft, insbesondere der Atemluft.

Das Vorverständnis nicht einer einzelnen Person, sondern einer ganzen Kultur zu hinterfragen, wie Irigaray dies tut, ist eine großartige Ausweitung der hermeneutischen Methode. Zumindest versuchsweise lässt sich ihre Arbeit so beschreiben, auch wenn Luce Irigaray sonst oft anderen Denkströmungen anstelle der Hermeneutik zugeordnet wird.

Wahn und Hermeneutik

Clifford Geertz hat als Anthropologe die hermeneutische Einsicht formuliert, dass der Mensch ein Lebewesen sei, das in selbstgesponnenen Bedeutungsgeweben lebt. Er nannte dieses Gespinst beim Namen "Kultur". Auch unsere eigene Kultur, die aufgeklärte, die wissenschaftliche, ist so ein Gespinst aus verliehenen Bedeutungen. Wenn wir den freundlichen Namen "Kultur" versuchsweise durch den nicht ganz so harmlosen Namen "Wahn" ersetzen, lässt sich vielleicht besser erahnen, wie abhängig unsere Gattung von diesem gemeinschaftlich geschaffenen Lebensumfeld ist.

Unheimlich und beunruhigend ist diese Ahnung, dass unser Bild von Wirklichkeit immer nur unser eigenes, möglicherweise irreführendes Gespinst sei. Dass ein Aufenthalt des Menschen direkt in "der Wirklichkeit" ohne das Gespinst dazwischen, nicht vorkomme, oder nur um den Preis des Todes oder des (individuellen) Wahnsinns, hat aber selbst Geertz nicht so hart ausgesprochen.

Die Unsicherheit der Logik

Der Vergleich unterschiedlicher Kulturen und Kulturepochen zeigt, dass selbst grundlegende Denkformen sich im Laufe der Geschichte wandelten. Je nach gesellschaftlichem Umfeld werden unterschiedliche Argumentationen als "logisch", als "selbstverständlich", als "unhinterfragbar" betrachtet. Sogar die traditionelle Logik der Philosophie steht nicht unberührt über den Zeiten. Wo sie dies zu tun scheint, ist vielleicht nur die Kunst des Hinterfragens im Abendland so stark in ihre philosophischen Traditionen gebunden, dass sie nicht mehr hinter sich kommt.

Umgekehrt wird auch die Bewertung "wahnsinnig" in jeder Kultur wieder anders verwendet. An den geschichtlichen Erscheinungsformen des Wahnsinns lässt sich wohl leichter entdecken, wie sehr er eine gesellschaftliche Definitionssache ist. Daraus lässt sich vermuten, dass auch das Gegenteil von "wahnsinnig" nicht zur Ewigkeit gehört.

Erkenntnis von Wahrheit und Wirklichkeit ist etwas Kulturgebundenes und sogar die strengen Gesetze der Logik sind doch auch gesellschaftlich bestimmte Arten von Schlussfolgerungen. Die jeweilige "Logik" ist auch nur ein Teil des Vorverständnisses. Das Übertölpeltwerden von logisch erscheinenden Kurzschlüssen ist vielleicht die häufigste Art von Selbsttäuschung und Getäuschtwerden.

Selbst wenn die Logik direkt aus einem Himmel der unfehlbaren Vernunft käme, wäre das nicht genug für irdische Verhältnisse. Die Menschen und ihre Kulturen gehen nämlich immer auch irrationale Wege, deshalb muss das Verstehen sich in irrationale Gefilde hineinwagen.

Hermeneutik hat den großen Vorteil, auch über die eigene Logik hinaus verstehen zu wollen. Ahnungen, Gefühle und Verrücktheiten werden als dem Verstehensprozess wohltuende Kräfte integriert. Es gibt kein Ockham'sches Messer, keine rigorose Engführung der Beweismittel, kein Ausschlussverfahren gegen Irrationales. Alles könnte nützlich sein. Körper und Seele, Traum und Tanz, sind Herausfordernde und Mitwirkende des Verstehens. Mit allem wird ein wahrnehmender Umgang gepflegt, weil weder der eine Wahn als Kultur, noch die andere Kultur als Wahn bewiesen werden muss.

Hermeneutik wirkt therapeutisch

Verstehen ist ein notwendiger Teil des therapeutischen Umgangs mit Wunden und Verlusten. Die oft Generationen übergreifende Weitergabe von Gewalterfahrung und Unterdrückungserfahrung braucht verstehende Aufarbeitung seiner Ursprünge, um die Kette zu lösen. Die Menschen und die Völker leiden darunter, dass alte Verletzungen weitergegeben werden, sei es als unverarbeitetes individuelles Abreagieren oder als kulturelle Verrohung oder als Rache oder als Auftrag zur Rache an folgende Generationen.

Was in alten Moralsystemen manchmal als Tun-Ergehens-Zusammenhang gedacht wird, ist gleichzeitig ein Ergehens-Tun-Zusammenhang. Wie es dir erging, so gibst du es mit deinem Tun an andere weiter. Zumindest ist das eine starke Gefahr. Die Täter*innen waren oft selber einst Opfer. Die Wunden heilen nicht automatisch, sondern der "natürliche" Umgang dürfte eher darin bestehen, möglichst stark sein zu wollen, damit sich die Verwundung nicht wiederholen kann. Mit dieser Absicht wird eigene Schwäche verleugnet. Möglichst auf der Seite der Täter zustehen wird angestrebt, um nicht auf die Seite der Opfer zu geraten. Indem alle auf der Seite der Täter stehen, werden die Opfer allein gelassen und neue Opfer gemacht. Auch dich selbst lässt du damit im Stich. Deine Erfahrung Opfer gewesen zu sein, verleugnest du. Das Verleugnete bleibt unbearbeitet, unverstanden, unverheilt.

Sowohl einzelne Menschen als auch Familien, als auch Völker, als auch ganze Kulturen stehen zwischen ihren beiden Seiten: Es wurde ihnen etwas angetan und sie taten anderen etwas an. Die eigene Täterschaft wird nur widerwillig wahrgenommen, weil es um Schuld geht. Das eigene Opfersein wahrzunehmen ist vielleicht noch schwieriger, weil es mit dem Hervorholen von Schmerzen und Demütigungen verbunden ist. Für die ganze Kette, für das eigene Erleiden, für die Weitergabe und für die eigene Täterschaft ist Verstehen das notwendige Heilmittel oder zumindest ein Bestandteil des Heilmittels. Der für die Kultur so wichtige Mut, sich auf die Seite der Opfer zu stellen, wächst am ehesten aus dem Verstehen.

Das Potential der Hermeneutik

Die Bewegung von einer Kultur in eine andere ist so ähnlich wie das Übersetzen von einer Sprache in eine andere, oder wie die Übertragung aus einer Textgattung in eine andere. In einem anderen Maßstab ist es der Wechsel von einem Weltbild in ein anderes. Hermeneutik kann die gemeinsame Methode sein für die Verständigung zwischen Kulturen und Religionen. Judentum, Christentum und Islam benutzen schon die Hermeneutik für ihre interreligiösen Dialoge.

Diaspora-Erfahrungen oder andere Begegnungen zweier Kulturen, oder der geschichtliche Umbruch von einer Kultur zu einer anderen, sind Gebiete der Hermeneutik. Heilsam kann diese Denkweise sein für die Wunden, die vom Kolonialismus weltweit geschlagen wurden und werden. Für alle Beteiligten und alle Betroffenen solcher Umwälzungen und Umbrüche ist es gut, wenn sie etwas von Hermeneutik verstehen.

Sobald die eigene Kultur als ein Gespinst wie alle anderen Kulturen erkannt wird, geht es nicht mehr ums Rechthaben sondern ums Verstehen. Das ist ein Verfahren, kein Urteil, eine Arbeitsmethode, kein feststehendes Ergebnis.

Die Herstellung von Kohärenz, von Zusammenhang und Zusammenhalt, erfolgt in der Hermeneutik nicht durch die Dogmatisierung von Sätzen, sondern durch die der Arbeitsweise innewohnende Tendenz zur Verbindlichkeit.

In dem Du Dich selbst besser verstehen lernst, veränderst du dich. Indem eine Kultur sich selbst anfängt zu verstehen, wird sie meistens intelligenter und zugleich toleranter. Nicht mehr Supremacy, Überlegenheit, Selbstbeweihräucherung ist das Bedürfnis, sondern sorgfältige Horizonterweiterung. Die Angst, eigene Wahrheiten und Werte würden verwischt werden und untergehen, wird aufgefangen durch die gewinnenden Erfahrungen des Verstehens und Verstandenwerdens. Diese Erfahrungen bilden neben Sexualität und wirtschaftlicher Zusammenarbeit das wohl wichtigste Verbindungsmittel zwischen den Menschen.

Eine Kultur kann leichter ihre eigenen Gefahren wahrnehmen und sich davor retten, wenn sie gelernt hat, auf die Kulturen der Anderen zu hören. Hermeneutik ist von Vorteil auch für die, die sie betreiben und sie ist notwendig in einer zusammenwachsenden Welt.

Hermeneutik für die Außenansicht der Wissenschaft

Wie können die Ursprünge und Außenbeziehungen der modernen Naturwissenschaft untersucht und eventuelle Problembereiche ihrer "geistigen DNA" ausfindig gemacht werden? Wie kann die Wissenschaft aus sich heraus treten und sich selbst aus der Distanz wahrnehmen? Wahrscheinlich wäre Hermeneutik eine geeignete Methode.

Wie kann die Wissenschaft mit außerwissenschaftlichen Partner*innen ins Gespräch kommen? Normalerweise hat die Wissenschaft (oft unbewusst) in ihrer Arbeitsweise einen Monopolanspruch sowohl auf das Subjektsein, als auch auf die Methodenbestimmung. Alles was außerhalb liegt, kann nur Gegenstand ihrer Untersuchung sein. Welcher Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung dürfte sich vom Labortisch erheben und mit der Wissenschaft auf Augenhöhe verhandeln, ob und wie er untersucht werden möchte? Welche Art von Objekten könnte ein Mitspracherecht geltend machen bezüglich der Methode, mit der sie untersucht zu werden wünscht?

Die Wissenschaft hat ein ähnliches Problem wie die universalistischen Religionen mit ihrem Absolutheitsanspruch. Wer die Wahrheit innehat, kann kaum verhandeln mit irgendwem da draußen, außerhalb der Kirche, außerhalb des Islam, außerhalb der Wissenschaft.

Hermeneutik ist keine Gegenwissenschaft, sondern sie ist der Modus, in dem die Wissenschaft ins Gespräch kommen könnte, mit dem was außerhalb ihrer selbst liegt.

Übriggebliebene Stichworte zur Hermeneutik

Wird in der Hermeneutik das Verstehen zum quasi-religiösen Allheilmittel stilisiert? Wäre das Verstehen dann ein Ersatz-Christus?

Das Unverstandene könnte einen Eigenwert haben. Gott verhüllt sich. The future's not our's to see. Was darf unverstanden bleiben und wirkt vielleicht gerade dadurch heilsam?

Behindern die philosophischen Schwergewichte Martin Heidegger und Hans-Georg Gadamer vielleicht die Entfaltung der Hermeneutik, weil sie zu sehr auf eine bürgerliche und akademische Lebenswelt abheben?

Mit der Beteiligung des Subjekts entsteht etwas Zirkuläres, ein sich wiederholender Prozess. Könnte das auf fraktale Muster des Verstehens hinauslaufen?

Braucht Hermeneutik Nachilfe zum Beispiel von Michel Foucault und Judith Butler?

Sind gesellschaftliche Konfliktlösungstechniken wie gewaltfreier Widerstand Teile der Hermeneutik?

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