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Küstermann



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Gott ohne Ismus. Die Stacheldrahtfalle 5. Die zu ertragende Widersprüchlichkeit Gottes

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Die zu ertragende Widersprüchlichkeit Gottes.

Eine Antwort auf das Flew-update von Bernward Gesang

Eine mehr der Gegenwart zugewandte Auffrischung der alten Argumente gegen Gott findet sich in dem fünfseitigem Aufsatz "Gottes Achillesferse. Theismus – weil es keine Antwort auf die Frage nach dem Leid gibt" aus dem Jahr 2007 von Bernward Gesang, Professor für Philosophie an der Universität Düsseldorf (online-version).

Bernward Gesang setzt Vernunft und Logik gleich mit aufklärerischer Kritik und naturwissenschaftlichem Fortschritt. Die Infragestellung der Allherrschaft von Logik wird bei ihm interpretiert als Versuch: "...die Kritik zu verbieten und dem Dogmatismus Vorrang zu geben". Damit bleibt er zwar in der alten Frontstellung Rationalismus gegen Theismus, immerhin aber begibt er sich andeutungsweise auf den Weg der Geschichte. Nicht mehr abstrakt im angeblich zeitlosen Reich der Logik wird diskutiert, sondern er setzt wenigstens einen Fuß auf den schmutzigen, blutigen und gar nicht eindeutigen Boden der menschlichen Geschichte. Die befreiende Bewegung der Aufklärung gegen die verstaubte Dogmatik der Kirche war historisch eine wichtige Phase. Ob aber der Zauber dieser Zuordnung noch anhält, ist die Frage. Auf welcher Seite steht die Befreiung, auf welcher das Dogma? Geschichte ist sehr unterschiedlich erzählbar und von Gott wird biblisch in Erzählungen gesprochen, nicht in logischen Gleichungen.

Gegen jene Gleichsetzungen Gesangs sei betont: Nicht als Dogma wird hier die These vom allmächtigen und barmherzigen Gott gegen die Logik aufrecht erhalten, sondern als Eingeständnis der logischen Unlösbarkeit. Nicht als autoritäres Denkverbot (von welcher Autorität sollte ein solches noch ausgesprochen werden? Doch nicht etwa von der Kirche?) wird hier der logischen Pflicht zum Atheismus widersprochen, vielmehr zur Verteidigung der notwendigen Irrationalität wird die Alleinherrschaft der Logik in Frage gestellt. Die Logik gilt nur für indikativische Aussagen und steht damit allzu leicht auf der Seite der momentan herrschenden Weltordnung. Der Gottesbegriff ist in sich widersprüchlich, weil er Widerspruch erhebt gegen die herrschende Wirklichkeit. Ich setze mein Vertrauen auf den christlichen Gott. Die logischen Lösungen werden vielleicht kommen, sobald wir ihm begegnen, und die Wirklichkeit sich verändert, aber zumindest vorläufig haben die irrationalen Kräfte des Lebens und der Geschichte eine eigene Daseinsberechtigung.

Widersprüche finden sich nicht nur in der Religion, sondern auch sonst in der menschlichen Seele und in der menschlichen Gesellschaft und seit Quantenphysik und Chaostheorie erkennen die Naturwissenschaften auch in der natürlichen Weltordnung so manches Paradoxon. Die denkerischen Kämpfe gegen diese oder jene Paradoxalitäten können ehrenhaft und sogar produktiv sein, aber sie entscheiden nicht über Sein oder Nichtsein.

Gott ist bei weitem nicht die einzige Widersprüchlichkeit, mit der wir uns herumschlagen, aber eine, die noch andere Zugangsmöglichkeiten bietet, als nur durch die binäre Tür der Logik.

Die Entscheidung, einen unauflösbaren Widerspruch auszuhalten, also mit Inkonsistenzen im Weltbild zu leben, ist natürlich schmerzlich für das Denken und für das Selbstbild, vielleicht führt es sogar an die Grenzen des Wahnsinns, aber das tut das Leben unter Umständen sowieso, auch wenn es ohne Gott gelebt wird. Der widersprüchliche, spannungsgeladene, sich ans Kreuz ausliefernde Gott ist heilsamer für das Individuum und für die Gesellschaft und wohl auch für die Natur, als die sauberste Logik es je sein könnte.

traeumendes Nilpferd mit blauen Schmetterlingsfluegeln

Gott ohne Ismus. Die Stacheldrahtfalle 5. Die zu ertragende Widersprüchlichkeit Gottes. Text cc-by-sa 4.0 int. by Harald Küstermann RoteSchnur.de. Bilder unter der jeweils angegebenen Lizenz.




Liebe und Barmherzigkeit sind die Attribute, mit denen sich der alte, jüdisch-christliche Gott von der neuen Göttin Logik unterscheidet. Und es sind die Eigenschaften, durch die er angreifbar wird, verletzlich, zerbrechlich, in sich widersprüchlich, menschlich.

Seine Wirksamkeit besteht eben darin. Wir glauben an den Gekreuzigten, nicht an den nächsten Legionskommandanten auf dem Kaiserthron. So wirkte das Glaubensbekenntnis der Christen.

Gottes andere Attribute, nämlich Allmacht, Allwissenheit, Allgegenwart und Ewigkeit behaupten wir im Vorgriff auf eine noch ausstehende Zukunft, also subversiv gegen die Gegenwart und gegen die in ihr regierenden Mächte.