Das Druidentum und die keltische Religion haben einige sehr seltsame Spuren hinterlassen, die sowohl für die Art der Christianisierung ungewohnte Fragen aufwerfen, als auch die frühmittelalterliche Geschichte in ein mysteriöses Licht tauchen. / Teil 2 / Dieser Artikel wurde veröffentlicht am 30.Okt.2022
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Der Steinkopf vom Fundort Mšecké Žehrovice in Tschechien stammt aus der Latène-Zeit, wurde also in Stein gemeiselt bevor das Christentum entstand. Diese keltische Skulptur stellt wahrscheinlich einen Druiden dar und zeigt eindeutig die Art der druidischen Tonsur: Sie legten einen Gürtel quer über den Kopf, von Ohr zu Ohr, und schoren Vorderhaupt und Hinterhaupt kahl. Genauso machten es auch die iroschottischen Mönche. Sie waren christianisierte Druiden. Dieses bildhauerische Werk offenbart dem Auge die richtige Interpretation der textlichen Quellen zur keltischen Tonsur ("airbacc giunnae") und widerlegt alle anderen Rekonstruktionsversuche. Beide Fotos von CeStu auf Wikimedia, cc-by 3.0 unported.
Die Schaffung von sozialer und religiöser Wirklichkeit durch Rituale erscheint modernen Menschen meist befremdlich bis unsinnig, weil die magischen Aspekte dieses Umgangs mit Wirklichkeit aus unseren modernen Weltbildern ausgeschlossen und tabuisiert wurden. Sowohl der Übergang von der Spätantike zum Mittelalter, als auch die Gestalt des Mittelalters selbst, werden aber nur verständlich, wenn wir über unseren modernen Schatten springen und uns auf diese fremden Arten des Denkens und Fühlens einlassen. Rituale waren die entscheidenden Bindekräfte für die Formation der mittelalterlichen Gesellschaften. Die gesamte Strukturierung der Gesellschaft und die Verteilung von gesellschaftlichen Rollen, besser gesagt: Identitäten, mit allen Rechten und Pflichten, erfolgte durch Rituale.
Das Rasieren gehört zu den Initiationsritualen vieler Religionen, im Christentum wäre in der Taufe der initiatorische Zusammenhang. Bußriten, die als früheste soziale Orte des Kahlscherens im Christentum in den Quellen auftauchen, sind quasi Aktualisierungen oder Perpetuierungen der Taufe, also des Sterbens und Neugeborenwerdens. So selbstverständlich gehörte die Rasur zu den Initiationen der Heiden, dass die Juden mit ein paar langen Locken an den Schläfen sicherstellen konnten, dass keiner der Ihren sich auf irgendeinen Gott initiieren ließe. Zumindest in manchen Religionen wird die Entfernung der gesamten Körperbehaarung des Initianden in Verbindung gebracht mit dem Neugeboren werden. Du wirst zum Baby gemacht, verlierst deine Festlegung, die dir erwachsen ist aus Geschichte und Zivilisation. Du verlierst im Ritual deine Geschichte, deine Prägung, deine Identität. Nicht nur die Schamhaare sind Zeichen des Nicht-mehr-Kind-Seins, sondern auch die Barthaare bei Männern gehören zum Erwachsensein, zur verfestigten Identität. Kann denn ein Mensch, wenn er alt ist, wieder klein werden wie ein Kind? Kann ein vom Leben gezeichneter, von seiner Geschichte identifizierter Mensch wieder zurückkehren in seiner Mutter Schoß? Neuwerden, Anderswerden? So oder so ähnlich fragt Nikodemus den Rabbi Jesus zum Thema Neugeborenwerden. Und eben das ist Initiation. Jesus bejaht die Frage des Nikodemus. Jesus war wohl ein Optimist in Sachen Neugeborenwerden, aber dieses hängt zusammen mit dem Sterben. Die Haare sind vor den Knochen das Zweitletzte, was übrigbleibt im Prozess der Verwesung. Verwesung ist die Auflösung von Identität. Deine Haare sind also die vorletzte Bastion dessen, was du bist. An den Haaren herumschneiden ist eine Form der Selbstkritik. Skarifizierung ist etwas Ähnliches und gehört ebenso zu den Initiationsriten. Sich kahl zu scheren heißt, sich aufzugeben, symbolisch zu sterben, Kraft und Ehre zu verlieren. Demütigung ist Anfang der Neuwerdung. Kahlscherung ist ein kleiner Tod, oder ein Trauerritus als Teilnahme am Tod anderer. Identität hängt in der Zeitlichkeit. Eine neue Identität bekommen heißt, die alte Haut abzustreifen wie eine Schlange. Vergiss die dir zugefügten Wunden, schlüpfe heraus aus den Narben. Vergiss die dir zugewachsene Macht, steig herab vom eroberten Thron. Stirb und werde neu. Das Abrasieren der Haare ist ein Teil dieses rituellen Geschehens.
"So sind wir ja mit ihm begraben, durch die Taufe in den Tod, damit wie Christus auferstanden von den Toten, durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln." So beschreibt Paulus im Brief an die Römer das christliche Initiationsritual, die Taufe. Rasuren tauchen dabei nicht direkt auf, aber die Haare liegen irgendwo zwischen Zeit und Ewigkeit. Die ägyptischen Eremiten und Wüstenväter betrieben die fortgesetzte Neuwerdung durch Buße und Einsamkeit. Wahrscheinlich rasierten aber die Büßer und Eremiten bei ihren Riten den ganzen Kopf kahl. Auf das keltische Christentum übten diese - auch nicht ganz normalen Gestalten - eine erhebliche Faszination aus. Ihr Haarschnitt wurde in den Diskussionen als die Tonsur des Paulus bezeichnet. Ob sie wirklich auf den Apostel zurück geht, oder er nur dafür in Anspruch genommen wurde, ist fraglich. Die keltische Tonsur war auf jeden Fall noch mal anders als etwaige christliche Arten der Schur. Sie stammt aus der heidnischen, druidischen Tradition, auch wenn versucht wurde, sie mit der Bezeichnung "Tonsur des Apostels Jakobus" in apostolische Traditionen zu setzen. Um welche Unterwerfung unter welche Autoritäten wird da gespielt? Initiation als Unterwerfung unter eine Kultur, soll das das Spiel der Taufe sein? Was war im keltischen Spiel anders als im christlichen? Und was war in beiden anders als im Spiel des Imperiums und in dem seiner Möchtegernnachfolger? Welche Art von Synthese meinten die christianiserten Druiden geschaffen zu haben, als sie mit ihrem Traditionsgepäck in das Christentum einzogen?
Es gibt wohl einige eher romantische Anläufe das Druidentum zu revitalisieren, manche von neopaganer, manche von christlicher Seite. In dieser Reihe darf ich mich nun ganz hinten anstellen, ohne solche Riten zu veranstalten, sondern nur mit dem Versuch sie zu verstehen. Zuerst aber sortieren wir ein paar unterschiedliche Einsatzstellen von Initiation.
In Stammesgesellschaften ("ethnischen Gesellschaften") haben Initiationsriten ihren Platz beim Ablegen der Kindheit. Die körperliche Fortpflanzungsfähigkeit wird verknüpft mit einem sozialen Rollenwechsel. Neopagane spitzen dies zu auf die Rolle als Jäger und Krieger, also auf die Fähigkeit und die Berechtigung zur Gewalttätigkeit. Mutproben, Waffengeschicklichkeit und Abhärtung zur Brutalität werden dann als wichtige Teile der Initiation gesehen. Die Interpretationen zum Gundestrupp-Kessel als Opferritual oder als Wiedererweckung gefallener Krieger bringen dies mit dem Initiationsbegriff in Verbindung. Auch auf King Malcolms Grabstein at Glamis, einem Class II pictish-symbol-stone, ragen Menschenbeine aus einem Kessel.
Abweichend von der Übergangsgestaltung des Erwachsenwerdens, das alle Gesellschaftsmitglieder betrifft, dienen manche Initiationsriten wesentlich spezieller als Zuweisung bestimmter Aufgaben und als religiöse Befähigung dafür. Mit solchen Riten werden manche Menschen aus dem "normalen" Leben herausgenommen und in einen speziellen Stand versetzt. Mit speziellen Einweihungsriten werden Menschen zum Beispiel als Druid*in ausgebildet und eingesetzt. Das ist die Stelle, an der es um Tonsuren geht und die in unserem Zusammenhang hier interessiert.
Die christliche Taufe ist eigentlich weder ein Geburts-, noch ein Pubertätsritus, und dient auch sonst keiner gesellschaftlichen Rollenverteilung, sondern schafft noch etwas ganz anderes. Da müssten die Mysterienkulte und ihre Bedeutung für die religiös entwurzelten Menschen im östlichen Mittelmeerraum zum Vergleich herangezogen werden, aber das ist ein anderes Feld und eine frühere Umbruchsstelle der Religionsgeschichte. Priesterweihe ist eigentlich nichts christliches, sorry, da bin ich Lutheraner, aber die Druiden und ihre Christianisierung zu verstehen, ist eben für das ganze westliche Christentum wichtig, für Katholiken ebenso wie für Lutheraner, weil die weiteren Umbrüche, insbesondere die Reformation, aus diesen Tiefenschichten des Mittelalters entstehen. Ende der Sortierung, Eintritt in die romantische Spekulation:
Die keltischen Initiationsriten umfassten einen Wechselgang durch tierische Identifikationen. Werde Hirsch, werde Lachs, schwing dich auf wie ein Adler, werde Eber, werde Mensch, so lehrte Merlin den Arthus. Ausbildung geschieht durch eigenes Erleben statt durch bloße Theorie. Schlüpfe in die Haut eines anderen Wesens. Spüre seine Nöte und Schmerzen, seine Wünsche und Lüste. Eigne dir seine Kräfte an, aber erleide auch seine Niederlagen, seinen Untergang. Der Umgang mit dem Tier im Menschen, mit Sexualität, mit Aggression und mit dem Sterben ist nicht ungefährlich. Die Verwandlung in den Wolf zieht dann die Werwolfslegenden nach sich, die in Irland viel älter und viel weniger gruselig sind als im späteren Frankreich. Zu den Werwölfen im Wald von Osraige werden wir noch kommen. Übrigens gibt es in homöopathischen Repertorien das Symptom: "Wähnt ein Wolf zu sein". Eines der für dieses Symptom aufgeführten Mittel ist Oncorhynchus tshawytscha, der Königslachs, eine pazifische Art zwar, aber vielleicht hat der atlantische Lachs ähnliche Wahn treibende Wirkung, wenn man genug davon isst und sich dann in eine enge Steinkiste legt, begleitet vom Singsang magischer Formeln.
Drei keltische Tier-Bilder:
1. Adler, Kreisornament aus dem Book of Durrow, Irland, cc-by-sa Book of Durrow Craftmanspace.com.
2. Hirsch, Steinrelief mit Knotenmuster, Dunfallandy-Stone, Schottland, Abbildung von Joseph Anderson 1881 n.Chr., cc0
3. Eber, Bronzefigur aus dem Keltenmuseum Manching Oberbayern, Foto cc-by-sa Wolfgang Sauber
Um den zukünftigen König hellsichtig zu erraten, kauten die vorchristlichen Druiden auf einem rituell präparierten Stück Fleisch herum. Die christlichen Druiden diskutierten später, ob dieses Ritual weitergeführt werden solle. St. Patrick war dagegen, aber nur weil damit heidnische Anrufungen verbunden waren. Bei diesem Königswahlverfahren ging es zwar nicht direkt um Initiation, aber um Zugang zu verborgenem Wissen. Und Initiation ist das Grundmuster für Erkenntnisvorgänge. Kauen, Beißen, Essen, Fressen können Erkenntniswege sein, auch das Gefressenwerden gehört dann notwendig dazu, denn wenn du dich selbst verlässt, um die Welt aus der Perspektive eines anderen zu erleben, dann hat zum Beispiel das Fressen beide Seiten. Bildmotive wie Daniel in der Löwengrube verknüpfen den Herrn der Tiere mit dem Motiv des (beinahe) Gefressenwerdens. Das Hinabsteigen in das Reich des Todes geht über die Stufen Stiere, Löwen, Hunde. Der Aufstieg in umgekehrter Reihenfolge (Psalm 22 als Sterbepsalm). Der Mensch ist sich nicht selbstverständlich, sondern erfährt sich selbst und seine allernatürlichsten Lebensvorgänge erst im Spiegel der Mitgeschöpfe. Die Auflösung der eigenen Grenzen, die sonst mit Haut und Haar gegeben sind, führt in die Vieldeutigkeit und Multiperspektivität. Auch die andere Negation des Essens, nämlich das Hungern, sich enthalten und verzichten sind Vorbereitungen und Einspurungen auf die angezielten Wege. Der Mensch lernt sich kennen im Kampf mit seinen Begierden. Die Bußriten der Eremiten stehen nicht zufällig am Anfang des Mönchtums, und die Klöster waren nicht zufällig die Horte von Wissen und Glaube.
Anscheinend spielten in keltischen Riten eher Steine die Rolle des Verwandlungsmediums, während im Christentum Sterben und Neugeburt durch das Medium Wasser dargestellt werden. Durch enge Felsspalte kriechen, in Höhlen und Steinkisten liegen, schlafen und träumen waren die Mittel des Rituals. Die damit wachgerufenen Ängste, insbesondere die Klaustrophobie sind im Ritual Instrumente der Seelenbearbeitung. Durch das Nachspielen des Geburtsvorganges werden die Zugänge zu den perinatalen Erfahrungen geöffnet, von denen Stanislaw Grof in "Topographie des Unbewussten" schreibt. Der Stein ist Muttererde, aber halt in einer etwas kühlen Form.
Das Weiterleben dieser steinernen druidischen Tradition in den christlichen Klöstern zeigt sich an einzelnen Stellen, zum Beispiel im Stein des Heiligen Declan. Mit dem Hindurchkriechen unter diesem Felsblock seien Rückenbeschwerden geheilt worden. Heilung lässt sich verstehen als ein partielles Neugeborenwerden. Insofern ist Initiation das Grundmuster für Heilungsvorgänge. St. Declan war ein einheimischer Gründer des Klosters in Ardmore, schon bevor der heilige Patrick nach Irland kam. Das Christentum wurde den Iren nicht von außen übergestülpt.
Die Verwandlung in eine Robbe, wie sie in den Erzählungen von der Selkie-Frau und ihren Kindern vorkommt, könnte auch den Initiationsvorgang als Ganzen bezeichnen. Die Zuordnung zur keltischen Religion mag spekulativ sein, denn Selkie-Geschichten gibt es anscheinend nicht in den frühen schriftlichen Quellen, aber in weiter Verbreitung als Volkserzählungen. Die Robbenhaut ist in den Höhlen und Steinkisten das Näherliegende, näher am Initianden als der Mutterschoß der Erde. Der Name Ronan ist einer der beliebtesten Namen Irlands und bedeutet "kleine Robbe". Die zwei Naturen der Selkie-Mutter sind notwendig, damit ihre Kinder, die Initianden in ihre zweite Natur hineingeboren werden können Der Lebensraum der Robben ist hauptsächlich Wasser und Fels, christliches Medium das eine und druidisches Medium das andere.
Schicksal zu erkennen und damit umzugehen, bei sich selbst und bei anderen, ist nur der individuelle Teil, die Wege der Drachen zu erkennen und damit umzugehen, sie miteinander zu verflechten, ist der andere. Religion arbeitet am Schicksal von Gemeinschaften, Gesellschaften und Kulturen über Generationen hinweg.
Der Maiden Symbol Stein, ein piktisches Monument, event.9.Jhh.,
Zeichnung aus "Bennachie" von Alexander Inkson McConnochie, published 1890, CC0
links unten im vorletzten Feld das schwebende Lockentier, rechts oben die Herrin der Delphine? Oder Schulterklopfen von den verwandelten Delphinen?
Das schwebende Lockentier von den piktischen Symbol-Steinen wird meistens unter der Bezeichnung "pictish beast" geführt. Die lange Haarlocke auf seinem Kopf ist wohl ein stilisiertes Geweih oder Gehörn und bei seiner langen Schnauze wird diskutiert, ob es eine Delphin-Schnauze oder ein Entenschnabel oder eine Art Rüssel sein könnte. Die Gliedmaßen sehen wie Beine eines Vierfüßlers aus, aber sie setzen nicht auf dem Boden auf, sondern rollen sich ein. Dadurch scheint das Tier zu schweben, wohl im Wasser, da es keine Flügel sind. Die Glieder bewegen sich flossenartig, ähnlich wie die Selkie-Frau. Ist es ein Tier zwischen den Welten, ein Wesen zwischen seinen Verwandlungen, ein Initiand? Andererseits: Auf manchen piktischen Steinen, zum Beispiel dem von Shandwick, erscheinen deutlich kleinere Schafe neben dem Lockentier im Relief. Da wirkt das pictish beast im Maßstab so rießig, dass es fast für den Himmel gehalten werden könnte, eine Art Gottheit oder ein Symbol für den Himmel?
Im Taufgespräch des Heiligen Finnian, Abt des Klosters Mag Bile in Ulster, wurde dem ältesten aller Iren, dem Túan mac Cairill, nach all seinen Verwandlungen die Verwandlung in Christus, also die Taufe, als eine weitere und wohl auch letzte Stufe der Neuidentifikationen empfohlen. So steht es im Lebor na hUidre ("Das Buch der dunkelhäutigen [Kuh]") Warum hat Finnian kein Problem mit den druidischen Vorstufen der Taufe? Warum liegt da kein Bruch, kein Abgrund, keine Abschwörung zwischen der keltischen Initiation und der christlichen Taufe?
Drei Bilder, teilweise keltisch, teilweise tierisch:
1. Lachs, pictishes Steinrelief, Gairloch-Stone, Detail aus einem Foto von Synchronium, cc-by-sa
2. Selkie? Mischwesen, romanisches Fresko aus der St. Jakob-Kirche Kastelaz,
die fantastische Figurenwelt der Romanik entstammt zu einem beträchtlichen Teil den keltischen Traditionen.
Detail aus einem Foto von Wolfgang Sauber, cc-by-sa.
3. blauer Wolf, Buchmalerei aus dem Book of Kells, Detail von Folio 76v
Der Artikel bis hierher in druckerfreundlicher Fassung
Neben dem Tonsuren-Streit war die jährliche kalendarische Festlegung des Osterfestes der zweite große Konfliktstoff zwischen keltischer und römischer Kirche. Nach welchem Verfahren das Datum des Osterfestes berechnet wurde, war in den ersten Jahrhunderten des Christentums den einzelnen Gemeinde und ihrem Bischof überlassen. Die christlichen Gemeinden hatten also von einer Stadt zur anderen leicht variierende Osterdaten. Es reichte, wenn in einer Gemeinde gemeinsam die Auferstehung Christi gefeiert werden konnte. Der Computus, die Kalenderberechnung war diskutierbar und wurde diskutiert nach allen Regeln antiker Mathematik. Erst mit dem Konzil von Nicäa und dem dahinter stehenden Druck des römischen Kaisers Konstantin auf eine einheitliche, reichsweite Kirchenordnung wurde dieser Freiheit und Vielfalt ein Ende gesetzt. Nicäa steht auch für den antisemitischen Einfluss der römischen Machthaber, die das christliche Osterfest auf keinen Fall am gleichen Tag wie das jüdische Passa haben wollten. Die christliche Kalenderberechnung musste sich von der jüdischen distanzieren, so wollten es die Römer, gegen alle inhaltlichen und historischen Zusammenhänge der beiden Feste.
Viele Teilnehmer an dem vom Kaiser einberufenen Konzil trugen noch die Spuren der Folterungen von der letzten großen Christenverfolgung am eigenen Leibe. Manchen waren Augen ausgestochen worden, manchen hatten die imperialen Behörden Sehnen durchschnitten. Narben von Auspeitschungen und Verbrennungen, sowie Gesundheitsschäden von der Zwangsarbeit in den Bergwerken gehörten zu den Mitbringseln der christlichen Delegationen, als sie in Nicäa auf Einladung des Kaisers über die Zukunft der Kirche verhandelten. Das Konzil von Nicäa markiert das Ende der Verfolgungen. Das Christentum war jetzt nicht mehr illegal, aber die Legalisierung forderte einen Tribut. Die Machthaber wollten eine überschaubare, kontrollierbare Kirche in ihrem Imperium haben. Die kirchliche Organisation sollte einheitlicher und hierarchischer werden. Statt offener, bunter Diskussion sollte die Lehre aus festgelegten Dogmen bestehen, klar definierte Befehlsgewalt statt chaotischem Palaver. Und die Kirche ließ sich darauf ein. Vor Nicäa war das Christentum im römischen Reich eine subversive, anti-imperiale, unberechenbare Macht gewesen. Nach Nicäa war das Christentum auf dem Wege, die Reichsreligion zu werden. Der Staat gab nach, aber um welchen Preis? Gleichschaltung ist hierfür zwar ein anachronistischer Begriff, aber dem Wortlaut nach nicht ganz unzutreffend.
Aus den Rechtsregeln der keltischen Kirchengebiete ist ersichtlich, dass die organisatorischen Strukturen dort ganz andere waren als in den nicänischen Gegenden des christlichen Westens. In den nicänischen Gebieten war immer ein einziger Bischof der Chef über eine Diöcese. Er (doch wohl immer ein Mann) fungierte als religöses Oberhaupt und als Spitze der Verwaltung. Neben dieser Gebietsaufteilung konnten Klöster als besondere, aber untergeordnete Einrichtungen existieren. Im Keltenland dagegen waren die Klöster die geistigen und administrativen Zentren von großen Gebieten. Die Äbte und Äbtissinnen waren die eigentlichen Autoritäten des kirchlichen Lebens. Von ihren Klöstern aus entsandten sie Bischöfe und wiesen ihnen Aufgaben zum. Zum Beispiel die heilige Brigida, Gründerin und Äbtissin des Klosters in Kildare, ernannte Bischöfe und sagte ihnen, was sie zu tun hatten. Es konnte durchaus mehrere Bischöfe in einem keltischen Kloster geben. Die Klöster stellten Priester und Bischöfe für Stadt und Land. Und diese ausgesandten Geistlichen blieben dabei Mönche ihres Klosters. Die Bischöfe standen nicht als Einzelne den weltlichen Machthabern der Stadt gegenüber und die kirchlichen Strukturen verliefen nicht parallel zu den staatlichen Hierarchien, sondern die irischen Klöster und Mönchszellen bildeten eigene Gemeinschaften mit wenig Zugriffsmöglichkeiten für der Könige. Solche Brutstätten eigenwilligen Denkens waren kulturell hochproduktiv, aber nicht im Sinne einer übergreifenden, staatlichen Macht und insbesondere nicht im Sinne der neuen germanischen Reiche.
Irland war offensichtlich nicht gleichgeschaltet. Die in Nicäa vom Kaiser impulsierte Vereinheitlichungswelle der christlichen Kirchen schwappte nur mit großer Verspätung an die Küsten der Insel. In den iroschottischen Klöstern und Kirchen wurde noch Jahrhunderte nach dem Umbruch die vor-nicänische Freiheit praktiziert und die Vereinheitlichung ignoriert. Irland bildete einen Schutzraum, in dem ältere Erfahrungsformen des Christentums überlebten und schöne Blüten trieben. Aus diesem Schutzraum kam die iroschottische Mission. Das ist auch wichtig für die zeitliche und inhaltliche Einstufung des Wechsels der Kelten zum Christentum. Der Streit um die Osterdatierung, ebenso wie manche Freiheiten der keltischen Liturgie sprechen ganz eindeutig dafür, dass die Christianisierung der Kelten durch vor-nicänische Traditionen erfolgte. Das keltische Christentum war vornicänisch. Das ist sein zweites wichtiges Merkmal, neben dem druidischen. Das Konzil von Nizäa war aber im Jahre 325 n.Chr. und Irland übernahm das Christentum erst etwa ab 400 n.Chr.. Wie wurde dieser Time-Gap überbrückt? Wo haben die vornicänischen Traditionen überwintert, bis sie sich in Irland entfalten durften? Wäre die Missionierung Irlands erfolgt durch die Weitergabe des offiziellen, römischen Christentums, wie es um 400 n.Chr. formiert war, dann hätte die irische Kirche nur nicänisch sein können, römisch, staatskirchlich, mit Corona-Frisur, mit hierarchischen Bischöfen, mit einheitlichem Osterdatum und untergeordneten Klöstern. Die Besonderheiten des irischen Christentums lassen sich nur erklären, wenn die Iren bei ihrer Christianisierung aus ganz anders formierten Quellen getrunken haben. Wo war das alte, subversive, anti-imperiale, unberechenbare Christentum gespeichert, bevor es in Irland wieder Gestalt annahm?
Irland wurde nie von den Römern erobert. Die iroschottischen Christen gehörten weder zum römischen Reich noch zu den germanischen Reichen der Völkerwanderungszeit. Sie trugen eine Kultur, die nicht imperialistisch war. "Un-nicäsiert" und "ungermanisiert" bildete die keltische Kirche einen geradezu erfrischend kindlichen Kontrast zu den imperial geprägten Staats- und Kirchenorganisationsformen, oder den Gelüsten nach solcher Organisiertheit, Gelüsten der Römer und der Franken. Uneingeholt waren die Iren von Imperium und Völkerwanderung und Nachfolge-Reichen, stark war aber die kulturelle Verbundenheit mit den Festlandskelten, besonders mit der Bretagne. Auch zu den romanisierten Kelten in Wales gab es starke Beziehungen. Und als dritte Verbindungslinie dürfte die Seefahrt an den atlantischen Küsten bis ins Mittelmeer eine große Rolle gespielt haben. Erzählungen, Lieder und Bücher wandern leichter und unauffälliger in ferne Gebiete, als die Heere und Flotten der Eroberer. Die kulturellen Impulse aus dem östlichen Mittelmeerraum, und so ein Impuls war das Christentum, wurden von den Iren sehr wohl wahrgenommen und verarbeitet, aber die Zwangsvorgaben und Verformungen durch imperiale Steuerungsapparate waren ausgebremst. Das Evangelium und all die anderen Bücher aus den ersten Jahrhunderten des Christentums müssen von den irischen Druiden gelesen worden sein. Auf Ephesos und auf die ägyptischen Eremiten nimmt die irische Diskussion Bezug. Die irischen Mönche kennen die Freiheit und Weite des frühen Christentums, vor seiner Legalisierung und Verstaatlichung. Aus Gallien und Wales müssen sie christliche Traditionen empfangen haben, die beide Merkmale schon trugen: Druidisch und vornicänisch. Auf den drei genannten Wegen nach Irland muss die Speicherung der vornicänischen Traditionen gelungen sein. Schon von den Festlandskelten bekam das Christentum seine druidischen Verarbeitungen, bevor es auf die Insel kam.
Die Kelten innerhalb des römischen Reiches müssen sich schon vor Nicäa eine deutliche und eigenständige christliche Identität angeeignet haben, die dann nach Irland weitergegeben werden konnte, bevor sie von der nicänischen Welle überspült wurde. Wie ein Wurm knabbert sich und windet sich der Glaube durch die verschiedenen Erdschichten der Jahrhunderte.
Heutige Vorstellungen von Mission tragen die Scheuklappen der Kolonialismus-Zeit. Das Verstehen aller drei keltischen Missionsvorgänge, nämlich erstens die Christianisierung der Kelten im römischen Reich, und zweitens die Weitergabe der neuen Religion an die Inselkelten, und schließlich drittens die Mission der iroschottischen Mönche auf dem europäischen Festland, wird von diesen Scheuklappen behindert. Alle drei Missionswellen liefen anders als das, was man in der Neuzeit unter christlicher Mission versteht.
Entschieden wurde das Ringen zwischen keltischem und römischem Christentum hauptsächlich durch die Könige der germanischen Nachfolge-Reiche des Imperium Romanum. Nicht nur auf den Inseln wurden die keltischen Besonderheiten nach der Invasion der Normannen eingeebnet, sondern auch in den anderen Regionen Europas hatte sich das Blatt gegen die christlichen Druidenmönche gewendet. Die neuen, germanischen Herrscher wollten ein Imperium haben, also das römische Reich beerben, und deshalb verbündeten sie sich mit der römischen Tradition. Insbesondere die Frankenkönige suchten und forderten im Christentum eine imperiale Reichsreligion und dafür schienen ihnen die iroschottischen Mönche mit ihren keltischen ("=chaotischen") Sitten wohl weniger geeignet. Irland und Schottland boten für die reichsgeilen Germanen-Chefs kein Bild des Begehrens, denn auf den Inseln hatte immer die Stammesgesellschaft das Sagen, trotz der religiösen Internationalisierung durch das Christentum. Fehden und konkurriende Clans kannten die Germanenherrscher aber zur Genüge aus ihrer eigenen Stammesgeschichte. Ihr Ehrgeiz war darauf gerichtet, ein staatlich funktionierendes Großreich zu regieren. Die germanischen Könige waren einerseits angewiesen auf die kulturelle Großmacht der iroschottischen Klöster, neigten aber eher dazu, diese herab zu würdigen und statt ihrer die hierarchischen, reichsweit vereinheitlichten Kirchenstrukturen in den Vordergrund zu rücken. Nicht das Christentum war ihr Ziel, sondern die Reichsreligion.
Eine Epoche ging zu Ende. Die keltische Kirche und die von ihr ausgehenden iroschottischen Missionare waren über mehrere Jahrhunderte der wahrscheinlich wichtigste christliche Kulturträger in Westeuropa. Rund dreihundert je eigenständige Klöster waren von diesen fremdartigen Geistlichen auf dem europäischen Festland gegründet und betrieben worden, dazu viele Einsiedeleien und kleinere klösterliche Gemeinschaften. Die mittelalterliche Buchkunst, die Musik und die Theologie hatten einen starken Zustrom aus keltischen Quellen empfangen. Die mit glühender Hingabe betriebene Weitergabe des Christentums an die Germanen, war aber nur teilweise gelungen. Die Abschaffung der keltischen Tonsur ist das Kennzeichen für den Wechsel der Zeiten und für das Überhandnehmen der Machtinteressen über alle religösen, kulturellen und bildungsbeflissenen Interessen im Abendland.
Wie lassen sich die offensichtlich druidischen Erscheinungsweisen der iroschottischen Mönche und Einsiedler vereinbaren mit ihrer entschlossenen Christlichkeit? Wie passt es zusammen, dass die stärksten Verkünder des christlichen Glaubens - und das waren die iroschottischen Mönche in Westeuropa - gleichzeitig ein frappierend heidnisches Erbe mit sich herum trugen, ohne darin einen Konflikt zu sehen? Wie können druidische Ritualausrüstung und frömmste Hingabe an Christus so unverschämt selbstverständlich miteinander und ineinander existieren? Bei der Christianisierung der Kelten muss etwas grundsätzlich anders gelaufen sein, als es dem Klischee von solchen Prozessen entspräche.