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Befruchtet vom Neandertaler, die Wirkung der anderen Art auf das Aurignacien / Teil 2 /  Dieser Artikel wurde veröffentlicht am 2019okt05

Befruchtet vom Neandertaler?

Die Wirkung der anderen Art auf das Aurignacien. Das Aurignacien ist die steinzeitliche Epoche in der die Kunst erfunden wurde. Es ist auch die Epoche, in der der moderne Mensch nach Europa einwanderte. Und es ist die Epoche in der Neandertaler und Sapiens ein paar tausend Jahre nebeneinander in Europa lebten. Ein paar große Fragen zum Aurignacien stehen im Raum: Was führte zur explosionsartigen Vermehrung von Kunst in diesem Zeitalter? Und: Welche Auswirkungen hatte die Begegnung von Homo sapiens und Homo neanderthaliensis? Vielleicht beantworten die beiden Fragen einander gegenseitig. Das ist die Idee, die hier verfolgt wird

Die Wirkung der Neandertaler auf die Erschaffung der menschlichen Kultur könnte weitaus heftiger und fundamentaler gewesen sein, als bisher angenommen wird. Jenseits des DNA-Flusses und jenseits des pragmatischen Voneinanderlernens zwischen Sapiens und Neandertalensis könnte die Begegnung der beiden Menschenarten die Entstehung von Kunst und Musik ausgelöst haben. In der Abstammungsfrage wird angenommen, dass etwa ein bis vier Prozent des Genoms der modernen Europäer neandertalisch seien. Bei der Kultur der Steinzeit bewegen sich die Diskussionen nur auf der Ebene des gegenseitigen Kopierens. Wer hat welche Techniken bei der anderen Menschenart abgeguckt? Soweit ich sehe gibt es noch keine Überlegungen auf der viel fundamentaleren Ebene, welche kulturellen Entwicklungsprozesse durch das Kennenlernen einer anderen Menschenart in der Psyche und im Selbstverständnis ausgelöst wurden. Von den Anderen eine neue Jagdtechnik oder eine neue Art der Knochenbearbeitung abzugucken ist eine nur pragmatische und damit ziemlich oberflächliche Art des Kennenlernens. Spätestens als Homo sapiens sapiens und Homo sapiens neandertalensis miteinander intim wurden, müssten da ganz andere, aufwühlende Prozesse in den Seelen und Gehirnen aller Beteiligten abgelaufen sein.

Was hat die Begegnung mit einer anderen Menschenart psychisch und kulturell ausgelöst?

Könnte die Begegnung mit der anderen Menschenart der Auslöser gewesen sein für die Erfindung der Kunst? Hat der Anblick des Neandertalers beim Sapiens den fragenden Blick geschaffen: Die sind wie wir und doch irgendwie anders. Wer sind die und wer sind wir und was sind die anderen Tiere? Was haben wir gemeinsam und was unterscheidet uns? Nicht nur der Anblick der Anderen überfordert die Synapsen, auch deren Laute, ihre andere Sprache, ihre Melodie ist aufregend fremd und aufregend ähnlich. Die eingespurten Hör-Gewohnheiten geraten ins Wanken und verlangen nach neuen Verknüpfungen. Wer nur eine Sprache kennt, darf meinen, die Dinge hießen von Natur aus so, wie sie halt in der einen Sprache genannt werden. Mit einer zweiten Sprache kommt die erste zum Bewusstsein. Von einer Sprache in die andere zu übersetzen, lehrt erst Bedeutung als solche und als Problem zu erkennen. Bedeutung ist das, was "unsere" Sprache mit der der Neandertaler gemeinsam hat. Die Laute von Tieren können deren Art und Stimmung verraten. Die Sprache von Menschen kann vielmehr: Sie kann eine momentan nicht-vorhandene Szenerie hervorrufen. Beide Menschenarten können Geschichten erzählen. Im Unterschied dazu kann die Hirschkuh ihre Kinder nur vor der Gefährlichkeit des Löwen warnen, wenn er da ist. Nur wenn der Löwe als Geruch, als Gebrüll oder sonst irgendwie real in der Nähe ist, haben die Gefahrbekundungen der Hirschkuh einen Sinn. Menschen dagegen können vom Löwen erzählen, auch wenn er nicht da ist. Wir können eine virtuelle Welt entstehen lassen. Richtig nachdenken über dieses Wunder kannst du aber erst, wenn es eine zweite Sprache gibt, die du nicht gleich verstehst. Und hinter der Sprache geht es weiter. Was sind Laute jenseits von Brunftruf oder Zorngebrüll und jenseits von Bedeutung tragender Sprache? Haben Laute eine eigene Qualität außerhalb ihres "Informationsgehaltes"? Hörst du den Wind singen. Erfinden wir ganz neue Geräusche, die kein Tier je gehört? Puste in einen hohlen Knochen und nenne es Musik. Wir lauschen und die Neandertaler lauschen. Was ist deren "Musik", was ist unsere? Und dann erst ihre Berührung! Wie fühlt sich Neandertaler-Haar an und wie ihre Haut? Wo liegen ihre Stärken und wo ihre Empfindlichkeiten? Ist das nur eine Phantasie oder war das heftig einsetzende künstlerische Schaffen einer oder sogar beider Menschenarten eine Folge des gegenseitigen Kennenlernens?

Könnte die Begegnung mit der anderen Art bei den Sapiens eine Welle von Selbsterkenntnis erregt haben, die einfach kreativ verarbeitet werden musste? Spätestens wenn aus der Begegnung Mischlinge hervorgebracht werden, ist es vorbei mit der althergebrachten Selbstverständlichkeit und mit dem bloßen Dasein als Gewohnheitstier. Du weisst nicht mehr wer du bist. Wenn Fremdartigkeit und Ähnlichsein so heftig beieinanderliegen, dann muss das aufkommende Synapsengewitter durch die Schaffung neuer Welten entlastet werden. Die Fassungslosigkeit muss durch Neufassung der Selbstverständlichkeiten kanalisiert werden. Gegen die Verunsicherung hilft nur die Erforschung der Möglichkeiten: Figurinen schnitzen, Höhlenwände bemalen und in den hohlen Knochen blasen bis Musik rauskommt.

Die Erfindung aller Künste findet nicht zufälligerweise gerade in dem Zeitalter statt, in dem die Sapiens mit den Neandertalern dieselben Gegenden und sogar dieselben Abris und Höhlen bewohnen. Taten sie das nur abwechselnd, vielleicht streitend, einander erschlagend, oder manchmal auch zärtlich und irgendwann dann befruchtend und Neues hervorbringend, was die Welt zuvor noch nie gesehen, nie gehört hatte?

Wenn aber die Neandertaler bei "uns" den künstlerischen Schaffenswahn auslösten, warum dann nicht auch umgekehrt? Das Aurignacien ist das Zeitalter der gegenseitigen geistigen Befruchtung.

Soweit die zweieinhalb Thesen zur Beantwortung der Aurignacien-Fragen.

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Die überraschende Nähe des Neandertals

Für alle, denen die Fragen zum Aurignacien nicht ganz klar waren, das Ganze nochmal langsam zum mitdenken:

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