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Die Bedeutung der Liebe für die Menschen im Neolithikum / Teil 1 /  Dieser Artikel wurde veröffentlicht am 2019mai16

Liebesäpfel und assymetrische Deals

Die folgende Geschichte soll uns nur auf die Spur setzen, was Liebe für die Menschen im Neolithikum bedeuted haben könnte. Ob die Geschichte inhaltlich in der Bronzezeit spielt, ist hierfür zunächst nicht wichtig, und ob die schriftliche Fassung vielleicht erst in historischer Zeit fixiert wurde, auch nicht. Wir brauchen nur ein paar Hinweise auf Themen, die uns fremd sind, die also unseren Horizont erweitern für ein anderes Zeitalter. Und natürlich brauchen wir ein paar Ansatzpunkte, die uns vertraut erscheinen, die uns das Mitfühlen ermöglichen mit Menschen einer anderen Kultur.

Mit "Liebesäpfel" übersetzt Martin Luther das hebräische Dudaim, wahrscheinlich sind es die Früchte der Alraune. Liebesäpfel galten zumindest im Mittelalter als Fruchtbarkeitsmittel. Die Erzählung von Lea und Rahel und dem sexuellen Deal dieser beiden Frauen ist nicht nur ein viel, viel älterer Beleg für diesen Glauben, sondern hat ihn wahrscheinlich überhaupt erst verursacht.

Die Liebesäpfel spielen nämlich eine Schlüsselrolle im Gebärwettstreit der beiden genannten Frauen. Wer bekommt mehr Kinder? Wer bekommt überhaupt Kinder? Das ist der eine Konkurrenzpunkt zwischen Lea und Rahel. Ruben, der erste Sohn der Lea, findet die Liebesäpfel auf dem Feld in der Saison der Weizenernte und bringt diese begehrten Früchte seiner Mutter. Lea hätte diesen Fund ihres Sohnes selbst verspeisen können, hat aber eine andere Idee: Sie bietet die Liebesäpfel ihrer Schwester Rahel an. Als Gegenleistung möchte sie eine Liebesnacht mit Jakob. Dieses Verlangen ist nichts Unmoralisches, denn Jakob ist nicht nur der Ehemann der Rahel, sondern auch der von Lea. Einen süffisanten Unterton bekommt Lea's Angebot allerdings durch ihren deutlichen Vorsprung im Kinder machen. Das Spiel steht 4:0. Lea ist die stolze vierfache Mama. Das Tauschangebot könnte als leise Verhöhnung von Rahels Unfruchtbarkeit gelesen werden: "Ich als vierfache Mutter habe kein Fruchtbarkeitsmittel nötig. Du aber wohl, liebes, kinderloses Schwesterchen!" Ach ja, die beiden waren nicht nur mit demselben Mann verheiratet, sie waren auch noch Schwestern, aber das hatte ich schon gesagt.

Rahel lässt sich auf den vorgeschlagenen Deal ein. Das könnte auch eine Retourkutsche sein: "Ich meinerseits", so könnte Rahel zum Ausdruck bringen, "bin die geliebte Frau unseres Ehegatten. Du aber, meine große Schwester musst dich in dieser Hinsicht noch ein bisschen bemühen um seine Liebe. Lass sehen, ob du in der einen Bonus-Nacht hinkriegst, was dir in all den Jahren unseres Verheiratetseins nicht gelungen ist." Das Geliebtwerden war nämlich der andere Konkurrenzpunkt zwischen den Schwestern.

Lea suchte einen Liebeszauber. Mit jeder Geburt hat sie gehofft, Jakob's Liebe zu gewinnen. Ihre Kinder waren in gewisser Weise Zauber-Mittel um die Liebe des Kindsvaters zu wecken. Aber der Kindersegen wirkte nicht auf ihn. Der Fruchtbarkeitszauber, den sie in Gestalt der Liebesäpfel an ihre Schwester gab, wirkte dagegen prächtig. Rahel wurde endlich doch schwanger und gebar ihren ersten Sohn, fortan der Lieblingssohn des Jakob.

Gemäß dieser Lektüre hätte die Geschichte und das von ihr repräsentierte Zeitalter vorallem eine für uns auffällige Eigenschaft: Die Suche nach Fruchtbarkeit. Kinderkriegen ist sehr, sehr wichtig. Und dafür sind alle Mittel recht. Aber Fruchtbarkeit ist eben nicht das einzige Thema, sondern das Geliebtwerden oder Nicht-Geliebt-Werden steht mitten in dieser alten Geschichte. Und es ist nicht identisch mit Sex haben oder Kinderkriegen. Die in der Konsumgesellschaft gängige Definition von "Liebe" als Begehren und Genuss kann die Geschichte nicht erklären. Auch die von der Biologie dazugegebene Bestimmung der Liebe als Fortpflanzungsfunktion beschreibt nicht Lea's und Rahel's zweiten Konkurrenzpunkt. In dieser alten Erzählung wird Liebe als etwas anderes, etwas drittes verstanden. Wie genau dieses Gefühl damals wahrgenommen wurde, ist nur zu erahnen, aber es ist keine moderne Erfindung, keine romantische Mode-Erscheinung. Aufregende Emotionsgeschichte würde davon leben, das ganz andere zu entdecken und alles Universale zu entlarven als historisch begrenzt. Damit können wir hier leider nicht dienen. Geliebt werden wollen anscheinend auch schon Frauen jenes ganz anderen Zeitalters. Lea leidet daran, dass Jakob die andere Frau lieber hat. Den Menschen geht es nicht nur um Sex und Fortpflanzung. Fremd ist zwar die Fruchtbarkeitsmagie, vertraut klingen aber für uns Liebessehnsucht und Eifersucht, auch wenn wir nicht sicher wissen, ob wir heute das Gleiche damit meinen. Soweit die erste Lektüre der Liebesäpfel-Geschichte.

Aspirin, Magie und die Fehler der ersten Lektüre

Meine simple Nacherzählung enthält allerdings mehrere Fehler. Wir benötigen eine zweite Lektüre entlang der sich ergebenden Einwände:

Erster Einwand: Es war gar nicht der Zauber der Liebesäpfel, zumindest nicht in direkter Wirkung, der Rahel zur Mama machte, sondern zwischen Apfelverzehr und Schwangerschaft tritt Gott auf: Der "gedachte an Rahel und erhörte sie und machte sie fruchtbar". So hätte man es von der Bibel auch erwartet. Zaubertricks gehören nach Meinung frommer Christen nicht ins Repertoir einer anständigen Religion. Ich möchte allerdings die Liebesäpfel-Zauberthese verteidigen mit der Frage: Wenn den Liebesäpfeln keine Wirkung zugedacht würde, wieso werden sie dann überhaupt erzählt? Darüber hinaus liegt die Zauberthese ganz auf der Linie jener Tricksereien des Ehegatten: Jakob hatte mit seinem Schwiegervater wechselnde Deals über die Verteilung ihrer Ziegen und Schafe gemacht. Die gefleckten und schwaren Tiere sollten ihm gehören, die weißen seinem Schwiegervater. Um die Fellfärbung der neugeborenen Tiere zu beeinflussen, legte Jakob streifenweise geschälte Stäbe in die Tränke. Das hell-dunkel Muster der Stäbe soll sich wohl per Analogie-Zauber auf die Färbung der Jungtiere übertragen, wenn es an der Tränke zur Befruchtung kommt. Jakobs Stäbe sind ein Zaubermittel zur Beeinflussung der Fortpflanzung. In diesem Fall sollen in den Viehherden mehr Sprenklinge geboren werden, zu Jakobs Vorteil und zum Nachteil seines Schwiegervaters. Ob wir diese Art der DNA-Beeinflussung für puren Aberglauben halten oder Jakob's Glauben daran für eine Art von selffullfilling prophecy oder wie auch immer wir ihre Wirksamkeit einschätzen, ist hier nicht das Thema. Jakob führt seinen wachsenden Reichtum an Viehherden darauf zurück. Die Erzählung beschreibt das Hantieren mit Fruchtbarkeitszaubermitteln und setzt den Glauben daran voraus. Jenes andere Zeitalter denkt und fühlt in solchen Zusammenhängen, egal wie fremd uns das erscheinen mag, egal ob wir uns wissenschaftlich und/oder religiös und/oder moralisch von diesen Vorstellungen und Machenschaften distanzieren. Wenn wir die Menschen und den Fortgang der Menschheitsgeschichte verstehen wollen, müssen wir diesen Windungen ihrer Gehirne folgen, und unsere Vorbehalte etwas beiseite stellen.

Zweiter Einwand: Zwischen dem Deal mit den Liebesäpfeln und der Schwangerschaft Rahel's liegen auch noch drei weitere Geburten Lea's. Zu ihren vier Söhnen bekommt sie nochmal zwei Söhne und eine Tochter. Liebesäpfel wirken demnach mit mehrjähriger Karenzzeit, sind also für marktübliche Verwertungszyklen der Pharmazeutik eher ungeeignet. Moderne Kundinnen hätten schon längst ihr Geld zurückverlangt. Und unser Verständnis von Magie als dem schnellen Trick zum Erfolg stimmt nicht überein mit dem, was in jener Zeit darunter verstanden wurde. Was ist diese Magie? Eine Weichenstellung für zukünftige Geschehnisse, die festgemacht wird an bedeutungsschwangeren Gegenständen z.B. den Früchten einer Pflanze. Die Weitergabe und der Verzehr von Liebesäpfeln spielt irgendwie eine Rolle, aber nicht im Sinne einer maschinellen Technik: Aspirin einwerfen, Kopfschmerzen weg. Liebesäpfel essen, schwanger werden. So geht das nicht. Der Glaube an diese Magie ist seltsamer, tiefgründiger, fremdartiger. Die Wirkung der Magie wird auf eine Weise gedacht, die in unserem Denkrepertoire nicht vorkommt. Gegenstände und Handlungen bestimmen die Lebenswege und Schicksalsverzweigungen in einer Matrix, die wir nicht kennen.

Dritter Einwand: Anders als von mir erzählt, kam die Initiative zum Liebesapfel-Deal nicht von Lea. Es war kein Angebot. Sondern der Impuls kam von Rahel. Es war ein Begehren. Sie wollte unbedingt das magische Mittel haben. Damit ergibt sich ein ganz anderes Schwesternverhältnis: Rahel hatte gefragt! Nicht der taktisch-überlegte Prestige-Gewinn von Lea ist der Startpunkt der Erzählung, sondern der direkte, unüberlegte, fast naive Wunsch von Rahel: "Oh, da gibt es Liebesäpfel! Könnte ich die bitte haben?" - "Nö, die kriegst du nicht, die hat mein Sohn mir gebracht." Lea's zunächst abwehrende Bemerkung zeigt ihre alte Verletztheit. Sie fühlt sich als die Ungeliebte, trotz ihrer Kinder. Dann überlegt sie es sich anders. Sie sieht ihre Schwester, sieht deren Leiden. Eine Kehre zu Mitgefühl und Helfenwollen könnte das sein. Vielleicht ist ihr die anders geartete Verletztheit ihrer Schwester hier erst wieder zu Bewusstsein gekommen. Und diese andere Verletztheit, nämlich die Unfruchtbarkeit scheint die schlimmere zu sein. Die beiden Schwestern handeln also sehr menschlich, das eigene Begehren und das eigene Leiden werden spontan ausgedrückt. Und sie handeln mitfühlend, jede nimmt Rücksicht auf die Verletztheit der anderen und versucht diese zu lindern. Fast schon zu harmonisch klingt die Geschichte, wenn man sie so liest. Und ihr Ehemann lässt das mit sich machen, was seine Ehefrauen miteinander verhandelt haben. Er geht diese Nacht zu Lea.

Die beiden rufen nach Verifizierung und Falsifizierung

Ob die Geschichte in der ersten Version, also der eifersüchtigen Vorteilssuche verstanden wird, oder in der zweiten Version, nämlich der mitfühlenden Schwestern, ist meistens keine objektive Entscheidung der Geschichtswissenschaft, sondern eine offene und durchaus subjektive Frage an die Leserschaft. Wer die eigene Coolnes und Abgebrühtheit zum Ausdruck bringen möchte, liest mit mehr Vergnügen die Eifersuchtsversion. Wer sein eigenes, erbauliches Mitgefühl spielen lassen möchte, bevorzugt die Harmonieversion. Wer wissenschaftlich sein möchte, vermeidet beide Versionen, behält die eigenen Gefühle für sich und verliert damit seinen Faden zur Geschichte. Beide Versionen sind sehr menschlich. Deshalb möchte ich beide erzählt haben und halte weitere Versionen für möglich. Zu objektiven Entscheidungen zu kommen, welches nun die richtige Version sei, ist nicht immer das wichtigste Ziel.

Die Geschichte mit den beiden Frauen spielt zwar in einem patriarchalen Zeitalter, aber die beiden passen nicht so recht ins Bild vom orientalischen Harem, das von europäischen Männern im wilhelminischen alias viktorianischen Zeitalter gepflegt wurde, natürlich als Projektionsfläche ihrer eigenen erotischen Wunschträume. Und Jakob passt nicht in die Rolle des Paschas, in die jene Männer gerne geschlüpft wären. Patriarchat ist nicht gleich Patriarchat.

Der wichtigste Einwand

Mein größter und schwerwiegendster Fehler war das Weglassen der beiden anderen Frauen. Da gibt es nämlich noch Bilha und Silpa. Diese wurden als jeweilige "Leibmägde" den beiden "Herrinnen" Lea und Rahel "geschenkt" vom Brautvater. Die Geschichte spielt also schon in einem Zeitalter der Sklaverei. Diese Sklavinnen werden familienintern weitergegeben und auch sie bringen im Auftrag und stellvertretend für ihre jeweiligen "Besitzerinnen" Kinder zur Welt. Was hat die Sklaverei zu tun mit Fruchtbarkeit und Patriarchat? Diesen wichtigsten Einwand gegen meine Erzählversionen, und gegen viele andere Versionen von History und Herstory lassen wir hier erstmal unbehandelt.

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Geschlechtsspezifische Körpersprache und die Liebe in früheren Zeiten

Eine überraschend zugängliche Auskunftgeberin ist die Körpersprache. Sie spricht vielleicht nicht über jedes Thema, aber wenn es um das Verhältnis der Geschlechter geht, wird sie geradezu schwatzhaft. Darstellungen menschlicher Körper als Tonfiguren, Statuen, Zeichnungen und Gemälde geben zuverlässige Informationen über alte Kulturen, sobald das Verständnis dafür geweckt wurde. Und genau das tut Marianne Wex mit ihren Photo-Reihen.

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