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Befruchtet vom Neandertaler, die Wirkung der anderen Art auf das Aurignacien / Teil 3 /  Dieser Artikel wurde veröffentlicht am 2019mrz28

Die überraschende Nähe des Neandertals

Für alle, denen die Fragen zum Aurignacien nicht ganz klar waren, das Ganze nochmal langsam zum mitdenken: Die Verwandtschaft aus dem Neandertal rückt uns immer mehr auf die Pelle. Bis vor ein paar Jahrzehnten galten wir noch gar nicht als verwandt. Als Joao Zilhao und Erik Trinkaus manche paläolithische Knochenfunde zu Mischlingen aus Neandertaler und Homo sapiens erklärten, da war das noch eine exotische Außenseitermeinung. Inzwischen sind die DNA-Analysen von Svante Pääbo vom Leipziger Max-Planck-Institut weitgehend anerkannt, wonach wir Europäer etwa 1 bis 4% unserer Gene vom Neandertaler geerbt haben. Die hatten was miteinander, die beiden Stämme unserer Vorfahren, wenn auch nicht sicher ist in welchem Jahrtausend und auf welchem Kontinent, aber sie hatten! Der kollektive Vaterschaftstest ist positiv. Oder war es ein Mutterschafts­test? Mitochondrien oder Y-Chromosom weiss ich nicht mehr. Ginge es nur um Paläogenetik, dann dürfte der gesunde Sapiens-Verstand sich vielleicht noch hinter der Skepsis verstecken, dass in dieser Disziplin vieles in Bewegung und weniges sicher sei. Und mit ein paar Prozent Neandertal-Genen können wir leben. Viel bedrängender ist die Diskussion in der Archäologie über die kulturelle Grenze zwischen den beiden Menschenarten. Man ist sich nicht einmal mehr sicher ob die wunderbaren Kunstwerke der Höhlen­malerei und der paläo­lithischen Kleinkunst von "uns" Sapiens stammen oder vielleicht doch schon von den Neandertalern geschaffen worden waren. Vor etwa 40-tausend Jahren kam Familie Sapiens nach Europa und seit dieser Zeit begannen hier die schönen Künste zu blühen. So etwa ist die traditionelle Meinung der Wissenschaft. Die schon längst einheimischen Neandertaler hatten zwar auch Steinwerkzeuge in der anspruchsvollen Levallois-Technik geschlagen, sie benutzten das Feuer und sie bestatteten vielleicht sogar manche ihrer Toten, aber das war's auch schon mit ihrer Kultur. Das war fast nichts im Vergleich zu der aufblühenden Kultur des Homo sapiens.

Als Grenze zwischen den beiden Menschen­arten wurden bei den Ausgrabungen zwei an ihren Werkzeugen erkennbare Kulturen herausgearbeitet: Das Chatelperronien als neandertalisch und das Aurignacien als sapiens-zugehörig. Alles was Symbolbildung, Ästhetik und vielleicht sogar einen Hauch von Religion enthalten konnte, also über den Zweck des puren Überlebens hinaus ging, wurde dem Sapiens zugeordnet.

Die wichtige Kultur-Epoche des Aurignacien geriet in den letzten Jahrzehnten der Forschung in die Zone der Grenzkonflikte. Zum Aurignacien gehören zum Beispiel die ältesten Höhlen­malereien in der Chauvet-Höhle (Département Ardèche) und die in Mammut-Elfenbein geschnitzten Tierfigürchen aus der Vogelherdhöhle auf der schwäbischen Alb und insbesondere die Löwenmensch-Figurine aus der Stadel-Höhle im Hohlenstein. Vielleicht sogar noch wichtiger ist die älteste bildhauerische Darstellung eines menschlichen Körpers überhaupt, nämlich die Venus vom Hohlefels. Nicht nur die bildenden Künste sind betroffen. Praktisch die komplette Musik des Paläo­lithikums könnte neandertalisch gewesen sein: Die aus Vogel­knochen hergestellten Flöten der Schwäbischen Alb, aus der Vogelherdhöhle und aus dem Geissenklösterle schienen mit einem Alter von 35 bis 43 Tausend Jahren gerade noch in einer Zeit zu liegen, in der wohl schon Sapiens in Europa angekommen waren, aber in der Divje-babe-Höhle in Slowenien wurde ein noch älteres Musik­instrument gefunden: Eine Flöte, die auf ein Alter von 45.000 bis 60.000 Jahre geschätzt wird, also doch wohl von Neandertalern geschnitzt und gespielt worden war. Wenn das stimmen sollte, dann gerieten auch die schwäbischen Flöten verstärkt unter Neandertaler-Verdacht.

Wenn all diese Kultur-Produkte des Aurignacien vom Neandertaler produziert worden sein könnten, dann stünde unser Sapiens-Stamm als ziemlich kulturlose Bande von Plagiatoren dort in der Eiszeit und sogar das Zusammennähen von Fellen, mitsamt den zugehörigen Erfindungen von Nadel und Faden wäre nicht "unser" geistiges Eigentum, sondern nur abgekupferte Fähigkeiten, paläolithische Industriespionage. Wir müssten dann froh sein um die knapp 4% unseres genetischen Kultur­menschen­anteils und die übrigen 96% unseres Genoms wären die DNA der zugewanderten Diebe- und Gauner-Gattung, die sich selbst hochstaplerisch als "Sapiens-sapiens" bezeichnet. Das ist jetzt ein bißchen karikiert, aber nur ein bißchen. In diese Richtung geht doch die Angst?

Dabei hatte man früher dem Neandertaler noch nicht einmal die Sprachfähigkeit zugetraut, erst der Fund eines Zungenbeins im Neandertaler-Skelett der Kebara-Höhle in Israel hat 1983 mit dieser Herabwürdigung Schluss gemacht. Ohne dieses Zungenbein hätte er sich mit tierischen Grunz­lauten verständigen müssen, so war der Stand der älteren Theorien. Da wären die Neandertaler also sprachlos grunzend durch die Eiszeit und durch Europa gelaufen, während in derselben Epoche und in denselben Höhlen das stolze Menschen­geschlecht in einem großartigen Anfall von Schaffenskraft alle Arten von hochrangigen Kunstwerken an die Wand geworfen hat. Die gigantischen Erfindungen von Malerei und Bildhauerei und Instrumental­musik waren ausschließlich Menschensache. So meinte lange die Wissenschaft des Homo sapiens sapiens.

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Wie dicht waren die Neandertaler an der Kunst?

Ocker-Farbe auf Muschelschalen und Bohrlöcher in Adlerklauen, was konnten die noch alles? Stammt die Maske von La Roche-Cotard von einem einsamen Genie?

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