Bild: Großer Häuptling aller Püscholoschen. Gimpage HKüstermann aus Fotos von MHalberstadt u. Peabody-Museum. Lizenz: cc-by-nd Weiterverwendung kostenlos aber nur unverändert und mit Quellenangabe: Harald Küstermann RoteSchnur.de
Es liegt mir auf der ..., wie war das gleich? Es liegt mir auf der ..., aber das Wort fällt mir grad nicht ein. Sekunden später ist die "Zunge" wieder da, und die Rede kann fortgesetzt werden. Aber der kleine Aussetzer zeigt uns, dass das Bewusstsein nicht vollumfänglich, zuverlässig und jederzeit griffbereit vorhanden ist. Andererseits kann es auch nicht ganz ausgelöscht gewesen sein, denn "es fällt ja wieder ein". Es war also da (irgendwo) nur der Zugriff darauf war blockiert. Es gibt demnach Räume des Bewusstseins, die dem Bewusstsein zeitweise unzugänglich sind, aber dennoch vorhanden. Es gibt also geistige Inhalte irgendwo außerhalb des aktuellen Bewusstseins.
Ein Wort ist etwas Geistiges, es gehört zum Bewusstsein, nicht zum Unbewussten, zum Körperlichen. So war nämlich vor Sigmund Freud die gängige Einteilung: Das Körperliche ist das Unbewusste. An unseren Herzschlag müssen wir nicht denken, ebensowenig an unsere Verdauung. Sie funktionieren einfach ohne dass wir uns ihrer bewusst sein müssten. Das Geistige dagegen ist das Bewusstsein. Ein Buch ist mehr als die Moleküle von Papier und Druckerschwärze. Man hätte mit den selben Molekülen auch ein andereres Buch schreiben können. Der geistige Inhalt ist etwas anderes als die Materie in der er auftritt. Mit dieser pragmatischen Denkweise verteidigten manche NichtMaterialisten die eigenständige Existenz des Geistes gegen die Übermacht des Materialismus. Wahrscheinlich war das die gängigste Denkweise: Das Körperliche, die Materie existiert sicher und nachweisbar. Das Geistige existiert wohl auch irgendwie, aber eben nur in Gestalt des Bewusstseins und kann auch nur mit dem Bewusstsein wahrgenommen werden. Und dann kam Sigmund Freud und behauptete, es gäbe ein Unbewusstes, das aber geistig sei. Was sollen das für "Gedanken" sein, die angeblich in meiner Seele wirken, ohne dass ich sie denken könnte? Fragten sich viele seiner Zeitgenossen.
Ein fehlendes Wort, das einem später wieder einfällt, wäre eine Stufe hinunter in den Keller des Unbewussten. Ein Wort oder eine Erinnerung, die nicht von selber wiederkommt, sondern uns erst von außen gesagt werden muss, wäre die nächste Stufe. Auch dieses Wort kann nicht ganz gelöscht worden sein, sondern würden wir es nicht wiedererkennen, wenn es uns von anderen gesagt wird: "Stimmt, so hieß die Oma mit zweitem Vornamen". Und manchmal begegnen uns auch Erinnerungen, die wir zunächst ganz von uns wiesen: "Nein, an diesem Ort bin ich nie gewesen", bis dann ein Foto oder mehrere Zeugenaussagen unseren Widerstand so weit schwächen, dass langsam die Ahnung in uns hochsteigt: "Doch, da war ich, aber irgendwie hatte ich das völlig ausgeblendet."
"Widerstand" ist ein wichtiges Wort bei Freud. Es hängt zusammen mit "Verdrängung". Wenn ein Mensch eine Erinnerung verdrängt hat, dann ist die psychische Energie, die er für diese Verdrängung aufwendet, spürbar sobald er auf diese Erinnerung angesprochen wird. Wenn wichtige Erlebnisse verdrängt wurden, also nicht mehr aus dem Unbewussten aufsteigen dürfen ins Bewusstsein, dann suchen sie sich andere Wege, so Freud's Theorie:
Träume können so ein Notausgang sein durch den das Verdrängte ans Tageslicht kommen will. Träume enthalten laut Freud eine Befriedigung eines verdrängten Triebwunsches des Träumenden. Die Analyse von Träumen sei der Königsweg zum Verstehen der Seele eines Menschen.
Fehlleistungen, z.B. Versprecher, können versteckte psychische Tendenzen zeigen: Ein Mann ärgert sich über irgendwelche Vorgänge und sagt: "Dann aber sind Tatsachen zum Vorschwein gekommen ...". In seinem Ärger über die Vorgänge hätte er diese gerne als "Schweinereien" bezeichnet, sein Bewusstsein wollte dieses Schimpfwort vermeiden, aber sein Unbewusstes hat aus dem beabsichtigten Wort "Vorschein" und dem zensierten Wort "Schweinerei" das neue Wort "Vorschwein" geschaffen und sich so gegen die Kontrolle des Bewusstseins durchgesetzt.
Neurotische Symptome sieht Freud als Notausgang der Seele und als Ausdruck sehr mächtiger Verdrängungen. Die Verrücktheiten gehören eigentlich in eine frühere Situation, die aber verdrängt wurde und äußern sich deshalb in aktuellen Situationen, wo sie unsinnig erscheinen. Darin besteht ihre Ver - rückheit. Heilung geschieht, indem die verdrängte Situation und damit der Sinn der Symptome wiedergefunden wird. Die alten Erinnerungen verlieren ihre verrückende Macht, sobald sie aus der Verdrängtheit herausgeholt, also dem Bewusstsein zugänglich gemacht werden.
Aus der von Sigmund Freud erfundenen Psychoanalyse entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte eine vielfältige Kultur der Therapie Methoden: Seine direkten Schüler Alfred Adler und Carl Gustav Jung betrieben ihre eigenen Weiterentwicklungen der Psychoanalyse. Jacques Lacan verknüpfte Psychoanalyse mit Strukturalismus, und viele weitere bedeutende Persönlichkeiten setzten die von Freud begonnenen Denklinien in unterschiedlicher Weise fort (Karl Abraham, Sándor Ferenczi, Ernest Jones, Mosche Wulff, Anna Freud, Erik Erikson, Margarete Mitscherlich, Erich Fromm, u.v.a.). Über die Psychoanalyse hinaus entstanden noch viele weitere Arten der Psychotherapie, z.B. die Gestalttherapie von Fritz Perls, das Psychodrama von Jacob Moreno, die Logotherapie Viktor Frankls, die Transaktionsanalyse u.v.a., die sich alle kritisch von Freuds Methode distanzieren, aber dabei doch auf seinen Schultern stehen. Selbst die aus der Biologie (Verhaltenstherapie, Behaviorismus) und aus der pharmazeutischen Medizin (Psychopharmaka) völlig gegen Freud entwickelten Modelle verdanken ihre Existenz der Auseinandersetzung mit ihm.
Die humanistisch orientierten TherapieRichtungen können als hermeneutische Disziplinen verstanden werden, gehören also zur Geisteswissenschaft. D.h. der Therapeut / die Therapeutin ist subjektiv in das therapeutische Geschehen involviert und darf sich selbst nie völlig außer acht lassen. Die biologistisch oder pharmazeutisch orientierten TherapieRichtungen versuchen dagegen eine strikt objektivierte Diagnose und Therapie zu schaffen, verstehen sich quasi als Naturwissenschaft. Sigmund Freud löst auch nach hundert Jahren noch heftige Diskussionen aus und ist einer der wichtigsten Dreh und Angelpunkte für alle modernen Diskussionen um das Verständnis des Menschen, der Gesellschaft und der Kultur.
Freud's Begriff vom Unbewussten war wohl das weitaus Ungehörigste an allen seinen Theorien, wenn man sich im wilhelminischen Zeitalter auch lieber über die sexuellen Inhalte des (Freud'schen) Seelenlebens aufregte. Wenn es nur die Verrückten wären, deren Seele seltsame Sachen macht, dann könnte man das noch verkraften, und wenn sich dieser Wiener Irrenarzt vom Wahnsinn seiner Patienten habe anstecken lassen, so könnte man das zur Not noch verstehen, aber Dr. Freud behauptet, dass unser aller Seele solche "Kellerräume" habe, die sich dem Zugriff des Bewusstseins entzögen. ÖdipusKomplex? Soetwas Unanständiges mögen die alten Griechen vielleicht gehabt haben, die waren dann halt etwas dekadent, "ober unsere eesteraichischn Mannsbilder dädan nia auf solcherne Gedanken kimma". Sigmund Freud war das Enfant terrible der Psychiatrie.
Ganz spekulativ lässt sich fragen, ob Sigmund Freud‘s Theorien auch dann so viel mit Sexualität zu tun hätten, wenn sie nicht im prüden, wilhelminischen Zeitalter entstanden wären. Was sind in der heutigen Kultur die verdrängten Anteile des Seelenlebens? Heutige Menschen reagieren peinlich berührt nicht beim Thema Sex sondern beim Thema Religion. Welche Neurosen bekommen die menschlichen Seelen unter dieser neuen Verdrängungssituation?
Was ist der Mensch? In den Tiefen der Seele. Sigmund Freud - Das Unbewusste. Dieser Text darf verwendet werden unter der Lizenz cc-by-sa 4.0 int. und mit der Nammensnennung: RoteSchnur.de