Eine überraschende Verknüpfung findet sich in den alten Handschriften, sowohl den jüdischen als auch den christlichen. Da werden Labyrinthe auf das Pergament gemalt und daneben oder mitten ins Zentrum des Labyrinths wird geschrieben: Die Stadt Jericho. Das Labyrinth gehört doch nach Kreta, werden die meisten sagen. Knossos ist die erste Adresse, die mit den verschlungenen Pfaden verbunden wird. Als zweite Labyrinth-Stadt werden viele Troja nennen, besonders jene, die in Skandinavien durch eine der vielen altertümlichen Trojaburgen gelaufen sind. Befremdlich wirkt die biblische Stadt Jericho in diesem Zusammenhang. Ganz besondere Illuminationen von Jericho zeigen sich da durch viele Jahrhunderte der Auslegungstradition. Bevor wir in Kassandra und Ariadne zwei unerwartete Kolleginnen der Orakelpriesterin Rahab entdecken werden, geben wir dieser anderen Sicht auf Jericho ein bisschen mehr Raum.
Abbildung 1: Jericho als Labyrinth, Syrische Handschrift von 1775 n.Chr., bei Hermann Kern Nr.234. Grammaire Syriaque, Beyruth, Lebanese National Library, University St.Joseph Ms.Syr.no.59 fol.1v und fol.2r. Noch schönere Fotos von den Restaurierungsarbeiten an diesem Buch gibt es im Artikel von Amélie Couvrat Desvergnes bei beitgazo-conservation.org.
Wir betrachten dazu eine nicht ganz so alte syrische Buchmalerei aus dem Jahr 1775 n.Chr.. Die Bildkomposition füllt zwei Seiten, links ein quadratisches Labyrinth mit zwei Kriegern, Säbel schwingend am Eingangstor, rechts Josua auf einem Pferd in seiner linken Hand eine Lanze mit sieben Troddeln, in seiner Rechten ein Säbel, daneben ein Pulk von siebzehn Köpfen, aus dem Säbel herausragen. Von manchen wird dieser Pulk verstanden als die von Josua angeführten Israeliten, Hermann Kern dagegen in seinem Standard-Werk zu den Labyrinthen, sieht darin die von Josua abgeschlagenen Köpfe der feindlichen Könige. Um Josuas Kopf herum stehen die Worte: "Das ist Josua bar Nun, der Held, der die Stadt Jericho eingenommen hat, der ihre sieben Wälle gebrochen und ihre Könige geötet hat." Im Zentrum des Labyrinths steht: "Das ist die Stadt Jericho: sie hat sieben Wälle" Und beiderseits des Labyrinth-Eingangs steht: "Das ist das Tor". (Übersetzung der Textteile zitiert nach Hermann Kern. Labyrinthe. München. Prestel-Verlag 1982. Seite 197).
Hermann Kern weist hin auf den Widerspruch zwischen Text und Bild: Gezeichnet sind nämlich acht Mauern, die Beschriftung spricht von sieben. Der äußere Gang ist zugemauert, hat also weder Eingang noch Ausgang. Von den normalen Labyrinth-Zeichnungen her gedacht, wäre das ein Zeichenfehler. Die äußere Mauer ist aber nicht so rötlich braun wie die sieben inneren, sondern in bläulicher Farbe gehalten, wird also absichtlich besonders gestellt. Kleine Widersprüche reizen die Hirnwindungen und der biblische Text spricht sowieso nur von EINER Stadtmauer, nicht von sieben, nicht von acht. Schon bei sieben Stadtmauern muss erklärt werden, woher sie kommen, und die achte noch dazu. Wir spüren, wie durch das Labyrinth ganz andere Auslegungsfragen ins Spiel kommen.
Wie kommen die früheren Auslegungen auf die Idee, Jericho mit dem Labyrinth zu verbinden? Als erstes ist es das rote Seil der Rahab, mit dem sie die hebräischen Spione, alias Orakelbefrager, rettet, und durch das sie und ihre Familie dann selber gerettet werden, dieses rote Seil schafft die Verknüpfung zum griechischen Ariadnefaden. Das Faden-Knäuel der kretischen Königstochter führt den Athener Königsohn Theseus hinein zum Minotauros und wieder heraus. Es bedeutet Rettung für den griechischen Helden und Tod für den minoischen, aber monströsen Königinnen-Sohn.
Blutgetränkt war die Fadenspule der Goldmarie, als sie in Frau Holles Brunnen sprang, aber wir haben schon genug zu tun, die beiden anderen zusammenzubinden. Faden, Schnur und Seil, als Wegweisung und Rettungsgerät, reicht dieses Motiv schon aus, um zwei Geschichten im Zusammenhang zu sehen? Darf zur Stadt Jericho ein Labyrinth gemalt werden? Wer ist der zweite Zeuge im Text zur Bestätigung der seltsamen Verknüpfung?
Der biblische Text im Buch Josua, Kapitel 6, erzählt von den rituellen Umrundungen der Stadt durch die Kriegsleute der Israeliten an sechs Tagen je einmal und am siebten Tag sieben mal, mit der Bundeslade als Kultgerät vorangetragen und mit den von sieben Priestern geblasenen Schofar-Hörnern, wo dann mit der letzten Umkreisung beim Klang der Blasinstrumente und lautem Kriegsgeschrei die Stadtmauern einfach so zusammenfallen. Joshua fit the battle of Jericho. Dass dann die Stadtbewohnerschaft niedergemetzelt wird, würde schon fast wieder zu einem normalen Krieg zählen, außer dass Rahab's Familie verschont wird, weil sie das rote Seil ins Fenster ihres Hauses gebunden hatte.
Diese seltsame und verwunderliche Schlacht um Jericho wird in den illuminierten Manuskripten verknüpft mit den griechischen Erzählungen vom Minotauros, halb Mensch, halb Stier, der in dem von Daidalos gebauten Labyrinth wohnt und dem Menschenopfer dargebracht werden, und zwar sieben Jungs und sieben Mädchen, sowie von der minoischen Prinzessin Ariadne und ihrem Fadenschlag zum mykenischen Prinzen Theseus, der mit ihrer Hilfe den Minotauros, ihren Halbbruder (?) umbringt. Und es sind nicht einzelne Ausreißer, die mit dieser Labyrinth-Illustration einen Nebenweg der Auslegung bildeten, sondern es ist der Hauptstrom der Auslegung zu Jericho, der sich so bebildert. Woher kommt die Verknüpfung der biblischen Erzählung mit einem Mythos aus der griechischen Götterwelt? Beide Geschichten sind keine historischen Berichte nach modernem Verständnis, beide sind auch nicht einfach Mythen, ganz eingeschlossen in ihrer jeweiligen religiösen Welt, aber beide entfalten enorme religiöse Wirkung und beide enthalten weitwirkende historische Vorgänge, nur dargestellt in einer uns fremden Art, Wirklichkeit zu erfassen. Was kann die Verknüpfung der beiden Erzählungen, der jüdischen mit der griechischen, zum besseren Verstehen beider beitragen?
Die Beziehung zum Labyrinth hängt also zweitens auch an den siebenfachen Umrundungen, mit denen der Hebräer-Gott Jericho zu Fall bringt. Dieses zweite Motiv bestätigt und bekräftigt den Fadenschlag. Die schon in der ganzen heidnischen Welt verbreiteten Labyrinth-Muster, zeigen einen Weg zum Ziel, der nicht kurz und geradeaus ins Zentrum marschiert, sondern mit Windungen und Umrundungen sich diesem langsam und tänzerisch annähert. Die biblische Erzählung von den Umkreisungen Jerichos wird sowohl in den christlichen als auch in den jüdischen Auslegungen mit den Bewegungsabläufen im Labyrinth zusammen gesehen. Das Bewegungsmuster um Jericho herum, wird gedanklich übersetzt in Stadtmauerringe um Jericho herum. Dabei entsteht ein Widerspruch: Sieben Umgänge bräuchten acht Mauern für die graphische Darstellung. Die meisten Manuskripte beharren jedoch auf sieben Mauerringen, dann passen die sieben Jericho-Umkreisungen der Israeliten aber nicht in die sechs Wege zwischen den Mauern.
Außer man zählt das Draußen vor der Stadt und vor dem Labyrinth als ersten Umgang, der dann aber nicht markiert, nicht kenntlich gemacht wäre. Die Hebräer waren die Draußen-vor-der-Stadt, die Ausgeschlossenen, die Marginalisierten, die Nichtsesshaften, die Staatenlosen. Jericho ist die tabubeladene Schwelle zum versprochenen Land, zur Sesshaft-Werdung, zum Ackerbau. Sorry, dass ich die mystisch-meditative Stimmung durch den Kurzschluss zu sozialen Verhältnissen störe. Doch doch, auch ich liebe Labyrinthe, meine aber, auch ihre Gefahren ernst nehmen zu müssen. Das Eintauchen in eine andere Welt wirkt zwiespältig zurück auf die bisherige und widersprüchlich voraus auf die zukünftige. Die Rückkoppelung zur harten Wirklichkeit ist notwendiger Teil des Rituals der weichen Windungen.
Weitere Widersprüchlichkeiten tun sich auf: Die Umkreisungen Jerichos durch die Hebräer lassen sich auch nicht einfach addieren: Laut biblischem Text an den ersten sechs Tagen je einmal, am siebten Tag siebenmal, das macht nicht dreizehn insgesamt, sondern eine Umkreisung von den sieben des siebten Tages muss doppelt gezählt werden. Sie zählt einerseits zur Komplettierung der sieben einfachen Tage und andererseits zur Verstärkung: Am siebten Tage siebenmal. Am siebten Tage bekommt die Umkreisung Kinder, sieben an der Zahl. Wie in chaostheoretischen Fraktalen das ganze Muster sich in seinen Teilen wiederspiegelt, so spiegelt der siebte Tag in sich die Gesamtheit der sieben Tage.
Die sieben Priester mit den sieben Schofar-Hörnern wären dann die dritte siebener Runde und vielleicht zählt die Mitführung der Bundeslade als vierter Siebener? Das wären dann achtundzwanzig Umrundungen. Soviele Zeiten werden in der Mondstraßen-Liste des Buches Kohelet, Kapitel 3 aufgezählt, aber jetzt schon den Mond ins Spiel zu bringen, wäre viel zu schnell zum Ziel gestürmt. Um das Labyrinth als Weltbild und um Jericho als Repräsentantin dieses Weltbildes zu erobern, müssen wir noch ein paar Runden durch's Mittelalter und durch noch frühere Zeitalter drehen. Rahab steht in einer langen Tradition.
Abbildung 2: Jericho in einem runden Labyrinth aus fein gezeichneten Mauerringen mit Türmchen und Stadttor. Eine blaue Linie führt als Ariadnefaden vom Stadttor aus ins innere des Labyrinths. Im Zentrum ein paar Häuser angedeutet, dazu die hebräische Beschriftung Jericho. Hebräische Farhi-Bibel von Elisha ben Avraham Crescas in Spanien oder in der Provence geschrieben und gezeichnet um 1366-1383 n.Chr.. Jerusalem, Bibliothek Rabbi Salomon David Sassoon MS. 368 p22. bei Hermann Kern Nr.227. Graphik bearbeitet für RoteSchnur.de
Abbildung 3: Nicht Jericho sondern Knossos, war der Prägungsort dieser Münze, und das Labyrinth gilt da zwar schon lange als Wahrzeichen der Insel Kreta, allerdings wird diese Form des Labyrinths, auch wenn sie die kretische genannt wird, erst etwa ab 300 v.Chr. von den kretischen Städten verwendet, davor waren es nur Mäander und Spiralen, die die Münzen zierten. Knossos-Stater von Kreta, ca.300 bis 270v.Chr., Foto von Hispalois, Lizenz cc-by-sa 4.0 int.
Abbildung 4: Nicht Jericho sondern die Reiter-und-Labyrinth-Zeichnung mit der Einschrift TRUIA auf dem etruskischen Weinkrug von Tragliatella, 620 v.Chr. aus der Sammlung von Tommaso Tittoni. Kapitolinische Museen, Palazzo dei Conservatori, Rom. Foto von U. Tonelli, in G. Q. Giglioli. STUDI ETRUSCHI III, L’OINOCHOE DI TRAGLIATELLA, TAV. XXIV. Rote Hervorhebung aus der Nachzeichnung von G. Mariani, zusammengefügt für RoteSchnur.de