Titelschrift

Küstermann


Klasse 10

Material und Aufgaben:

Das Bündnis von Thron und Altar

Erinnert Euch an die beiden Landkarten! Und lest was drauf steht!

Eine kirchenkritische Frage

Eigentlich würde die Evangelische Kirche beim Rückblick auf die Nazi-Zeit am liebsten nur von Dietrich Bonhoeffer und vom Barmer-Bekenntnis sprechen. Dietrich Bonhoeffer war der wichtigste lutherische Theologe des zwanzigsten Jahrhunderts. Er war der wichtigste und konsequenteste evangelische Widerständler gegen die Nazis. Und er starb als Märtyrer des Glaubens hingerichtet von der GeStaPo. Das Barmer Bekenntnis war das gegen die Nazis gerichtete Bekenntnis des evangelischen Widerstands. Wir waren und sind gegen die Nazis. So würden wir gerne sagen. Aber das stimmt erst für die evangelische Kirche der Nachkriegszeit. Beim Aufkommen der Nazis war das leider anders. Der Vergleich der regionalen Verteilung von Konfessionen und der regionalen Verteilung von Wählerstimmen zeigt folgendes Muster: In den überwiegend katholischen Gebieten hat die Mehrheit die Zentrumspartei gewählt. In einigen Industriegebieten und Millionenstädten hatten die SPD und die KPD die Mehrheit. In den mehrheitlich evangelischen Gebieten bekamen die Nazis die Mehrheit der Stimmen. Plump vereinfacht: Die Evangelischen wählten 1932 und 1933 die NSDAP. Wie konnte das sein?

Die Religion und die Nazis

In der NSDAP waren eigentlich alle Arten von Christentum verachtet. Die Vergötterung galt den germanischen Göttern. Für Thor, Odin oder Freya an irgendeiner Irminsul ein blutiges Opfer darzubringen, das wäre das Ideal gewesen für den harten Kern der Nazis. Eine kämpferische, kriegerische Nationalreligion mit Betonung der Fruchtbarkeit und Gesundheit (und Skrupellosigkeit und Überheblichkeit) das hätten sich die Nazis gewünscht als Volksreligion.

Beim Christentum stießen sie auf Schritt und Tritt an die Grenzen ihrer hochfahrenden Ideale. Die christlichen Gebote von Nächstenliebe und Feindesliebe sind äußerst ungünstig für die Kriegführung. Die Menschheitsumspannende Internationalität des Christentums läuft dem Rassismus zuwider. Die individuelle Bedeutung jedes Menschen als Kind Gottes passt nicht zur Unterordnung der Individuen unter das „Volk“. Und für die Nazis am allerschlimmsten: Der Religionsgründer des Christentums war der Jude Jesus von Nazareth.

Wie konnte es passieren, dass evangelische Christen ihre Stimme der Nazi-Partei gaben? Die Nazis waren schlau genug, ihre eigentlichen Religionswünsche relativ bedeckt zu halten. Angesichts der großen christlichen Mehrheiten in der deutschen Bevölkerung, nahmen sie christlich klingende Aussagen in ihr Parteiprogramm und in ihre Propaganda auf. Angeblich sei die NSDAP nur kritisch gegenüber der konfessionellen Spaltung in evangelische und katholische Kirche, die Partei unterstütze aber das „positive Christentum“. Mit dem Begriff „positives Christentum“ hatten die Nazis ein Propaganda-Instrument, mit dem sie die Christen umgarnen konnten. Eine einheitliche Deutsche Reichskirche sei das Ziel, gegen die Zersplitterung in viele unabhängige Landeskirchen bei den Evangelischen und gegen die „ausländischen“ Einflüsse aus Rom bei den Katholischen.

Die christliche Moral umzubiegen in eine national-egoistische Moral war ein weiteres Ziel. Und dem Jesus von Nazareth eine „arische“ Abstammung anzudichten, war eigentlich ein albernes Unterfangen, aber weil es den Sehnsüchten mancher Christen in Deutschland entgegenkam, wurde sogar dieser Unsinn von Vielen geglaubt.

Was aber waren die Sehnsüchte insbesondere der evangelischen Christen? Womit wurden sie verführbar für die Propaganda der Nazis? Die Christen in Deutschland waren geprägt von einem Ideal, das gut wiedergegeben wird als „Bündnis von Thron und Altar“.

Das Bündnis von Thron und Altar als organisatorische Beschreibung

Das Bündnis von Thron und Altar bedeutete auf organisatorischer Ebene das Zusammenspiel der staatlichen und kirchlichen Organisationen, wobei beide als „Obrigkeit“ verstanden wurden. König, Fürst und Kaiser sitzen auf dem Thron und bilden die weltliche Obrigkeit. Pfarrer und Bischof stehen am Altar und bilden die geistliche Obrigkeit. Beide Obrigkeiten zusammen regieren das Volk und sagen den Untertanen, was sie zu tun und zu glauben haben. Sowohl in religiösen als auch in staatlichen Fragen waren die meisten Deutschen weitgehend obrigkeitshörig. Das hierarchische Gefüge der Gesellschaft war gleichzeitig eine Art Weltbild. Und bei den Evangelischen war auch die Begrenzung des Wir-Gefühls auf einen regionalen (in unserem Fall württembergischen) oder höchstens auf einen nationalen Rahmen Teil dieses Weltbildes.

Das Bündnis von Thron und Altar als seelische Beschreibung

Auf der seelischen Ebene waren Thron und Altar die Symbole für die religiösen und nationalistischen Gefühle. Hinter dem Begriff „Altar“ stehen sozusagen alle Gefühle der Frömmigkeit und des Glaubens, alle Geborgenheit und Verbundenheit, die in der christlichen Gemeinschaft erlebt werden konnten, alle Erfahrungen des Trostes bei Beerdigungen und der Hilfe in sozialen Notlagen, alle Erfahrungen von Feierlichkeit bei den öffentlichen Festgottesdiensten und von familiärer Verbundenheit bei den Feiern zuhause waren mit diesem Begriff „Altar“ gemeint.

Hinter dem Begriff „Thron“ versammelten sich der Nationalstolz und die Militärbegeisterung. Alle Gefühle, die mit prächtigen Uniformen und klingender Marschmusik zusammenspielten, waren damit gemeint. Die Deutschen, und besonders die evangelischen Deutschen waren mehrheitlich sehr deutsch-national und empfanden in diesem „Deutschsein“ ihre Identität.

Die stärkere Anfälligkeit der Evangelischen

Dieses Bündnis von Thron und Altar war für die Evangelischen deutlich stärker ausgeprägt als für die Katholiken, weil die Struktur der evangelischen Kirchen auf die alten Fürstentümer und innerdeutschen Königreiche bezogen war. Die evangelische Kirche war nicht international, universal dem Vatikan zugeordnet, sondern es gab die württembergische Landeskirche im Königreich Württemberg, die badische Landeskirche im Großherzogtum Baden, die Bayrische Landeskirche im Königreich Bayern usw.. Thron und Altar waren auf evangelischer Seite sehr viel enger verknüpft als auf katholischer.

Die Verletztheit der Volksseele

Der verlorene Erste Weltkrieg war die tiefe Wunde in der Volksseele. (Volksseele ist ein sehr altmodische Begriff, der nur mit Vorsicht zu gebrauchen ist, aber er bildet eine sehr griffige Zusammenfassung der kollektiven, kulturellen Seelenlandschaft.) Seele ist nicht nur etwas individuelles.
Die Verherrlichung von Militär und Krieg war fragwürdig geworden angesichts des Elends, das der Erste Weltkrieg hinterlassen hatte. Viele Bezugspunkte der Volksseele waren verunsichert. "Wir sind die Verlierer". Das war die Realität, aber das wollten die Deutschen sich nicht sagen müssen. "Wir sind die Verlierer", eine so schmerzliche Wahrheit auch seelisch zu realisieren ist nicht einfach. Stattdessen flüchtet sich die Seele in Illussionen. "Deutschland, Deutschland über alles", war ein Gefühl, das die Volksseele gerne gehabt hä;tte, statt: "Wir sind die Verlierer". Die Nazis lieferten die erwünschten Illussionen.

Den „Thron“ gab es nicht mehr, die monarchischen Strukturen waren organisatorisch ersetzt worden durch demokratische. Der deutsche Kaiser war ersetzt worden durch die Weimarer Republik, aber die Seele vieler Deutscher war nicht mitgekommen bei der Demokratisierung. Die Revolution von 1918 war zu sehr mit der seelischen Wunde verknüpft als dass sie einen Stolz auf die Demokratie hätte hervorbingen können. Eigentlich hätte das Christentum nach dem verlorenen Weltkrieg die seelische Krise auffangen müssen, aber gerade durch die enge Verknüpfung von Thron und Altar waren die evangelischen Kirchen mithineingenommen in den Sog des Untergangs der Monarchie. Alle Orientierunspunkte der Seele waren verunsichert. Das war der seelische Boden, auf dem böse Saat der Nazi-Propaganda aufgehen konnte.


Aufgaben:

1. Nimm Dir ein Blatt Papier und schreib oben drüber "Meine Wir-Gefühle". Du musst klein schreiben oder ein sehr großes Blatt nehmen. Zu welchen Gruppen, Organsiationen, Strömungen fühlst Du Dich zugehörig? Zum Beispiel:
Zu Deiner Klasse. Zeichne einen Kreis, beschrifte ihn als "Klasse 10...", schreib ein paar Namen hinein und spüre, welche Deiner Gefühle damit verbunden sind.
Zu Deiner Familie. Zeichne einen Kreis, beschrifte ihn als "Meine Familie", schreib die Namen hinein ...
Zum NGL Zeichne einen Kreis  ...
Zu denen die die deutsche Sprache sprechen  ...
Zu Europa  ...
Zu Stuttgart  ...
Versuche die Überschneidungen zwischen den Gruppen durch sich überschneidende Kreise etc anzudeuten. Dein Wir-Gefühl, Deine Seele ist verbunden mit vielen sozialen und kulturellen Gruppen. Diese sind Teil Deiner Identität.
2. Wenn eine Deiner Gruppen "verletzt" wird (wenn Dein Fußball-Verein verliert, wenn Deine Schul-Klasse beschimpf wird, wenn ein Familien-Mitglied erkrankt, wenn...), wie stark trifft diese "Verletzung" auch Dich, Deine Seele, Deine Gefühle? Spürst Du Deine VFB-Seele, Deine Klassen-Seele, Deine Familien-Seele, Deine Volks-Seele?
3. Male die Kreise bunt an, je nach der Intensität Deiner Gefühle.


Das Bündnis von Thron und Altar, in druckerfreundlichem htm-Format

Das Bündnis von Thron und Altar, im pdf-Format


Text von Harald Küstermann
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