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Küstermann


Klasse 10

Material und Aufgaben zum Thema Kirche in der Nazi-Zeit / Martin Niemöller

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Martin Niemöller

*14.Januar 1892, †6.März 1984

Martin Niemöller war einer der evangelischen Christen in Deutschland, die in der Nazi-Zeit ein paar heftige Lektionen lernen mussten und gelernt haben. Christentum statt Nationalismus, Freiheitsrechte statt Untertänigkeit, Friedensarbeit statt Militarismus: Das waren tiefgehende Veränderungen im Denken und im Fühlen. Manche Christen, leider sehr wenige, hatten diese Lektionen schon früher begriffen, und befanden sich schon früh im Widerstand gegen Hitler. Andere mussten und müssen auch noch lange nach dem Untergang des Dritten Reiches daran weiterlernen. Den meisten Evangelischen ging es wie Niemöller, dass sie im Verlauf des Dritten Reiches erfahren mussten, wie Hitler ins Unrecht und in die Katastrophe führt.

Der U-Boot-Komandant

Martin Niemöller machte im Jahr 1910 im Evangelischen Gymnasium in Elberfeld (Wuppertal) das Abitur und ging dann zur kaiserlichen Marine um Offizier zu werden. Zuerst war er als Seekadett auf der SMS Hertha, ab 1915 gehörte er der U-Boot-Waffe an, war 1916 zweiter Offizier auf U-73 und wurde in den ersten Jahren des Weltkrieges mit dem Eisernen Kreuz I.Klasse ausgezeichnet. 1917 war er auf U-151 vor der senegalesischen Küste im Einsatz und hätte beinahe einen Dampfer versenkt, auf dem sich der spätere Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer befand. Das haben die beiden nach dem zweiten Weltkrieg mit Erschrecken festgestellt. Im Mai 1918 wurde Niemöller Kommandant des Minen-U-Boots UC 67. Er unternahm zwei Feindfahrten, bei denen er drei Dampfer versenkte (- ob sich potentielle Nobelpreisträger*innen auf diesen Dampfern befanden, ist unbekannt - ) und Minen vor Marseille legte. Im Juli 1918 wurde sein U-Boot bei einem Luftangriff schwer beschädigt. 1919 nahm Niemöller seinen Abschied von der Marine, weil er die neue demokratische Regierung ablehnte. Martin Niemöller war kein Demokrat. Er war sehr nationalistisch. Er beteiligte sich auch nach dem Ende des Ersten Weltkriegs noch an einem Freikorps (private militärische Organsitation) als Batallionsführer. Und sogar als er schon verheiratet war und beschlossen hatte Theologie zu studieren, war er noch Mitglied in rechtsradikalen Organisationen, zum Beispiel im "Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund". Bis dahin passte Martin Niemöller ziemlich perfekt in den Geist der Zeit und in die Ideale der Nazis.

Aufgabe: Beschreibe den heutigen Zeitgeist! Worauf sind Menschen stolz? Was finden sie richtig toll? Wer oder was könnte dabei Schaden nehmen?


Der Pfarrer

Als Pfarrer war Niemöller zuerst Vereinsgeistlicher der westfälischen Inneren Mission, hatte hier mit den sozialen Problemen der Bevölkerung zu tun und wurde 1927 zum Mitbegründer der Selbsthilfeeinrichtung "Darlehensgenossenschaft der Westfälischen Inneren Mission e.G.m.b.H.". 1931 wurde Niemöller zum Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Berlin-Dahlem berufen. Hier hatte er erste Konflikte mit der Nazi-Gruppe "Deutsche Christen".

Seit September 1933 wurde der "Arierparagraph" auch auf kirchliche Beamten und Pfarrer angewendet. Pfarrerskollegen, die jüdischer Abstammung waren, sollten aus ihrem Beruf verdrängt werden. Die Grenze zwischen "christlich" und "jüdisch" war im Christentum schon immer als Religionsgrenze definiert gewesen: Wer glaubt und getauft wird, ist Christ. Die Nazis definierten die Grenze rassistisch: Wer jüdische Vorfahren hat, ist Jude, egal mit welcher Religion.

Im Breslauer Wochenblatt vom 14. Oktober 1933 erschien ein mutiger "Witz" über einen "arischen" Pfarrer:

"Das Eingangslied ist verklungen. Der Pfarrer steht am Altar und beginnt: ›Nichtarier werden gebeten die Kirche zu verlassen.‹ Niemand rührt sich. ›Nichtarier werden gebeten, die Kirche sofort zu verlassen.‹ Wieder bleibt alles still. ›Nichtarier werden gebeten, die Kirche sofort zu verlassen.‹ Da steigt Jesus vom Kreuz des Altars herab und verlässt die Kirche."

Das Wochenblatt wurde daraufhin vom Regierungspräsidenten verboten, der verantwortliche Redakteur sollte ins KZ, aber Martin Niemöller intervenierte dagegen und konnte sich bei den Nazi-Behörden durchsetzen.

Gegen den Arierparagraphen gründete Niemöller gemeinsam mit anderen den Pfarrernotbund. Innerhalb weniger Monate traten mehr als 7000 evangelische Pfarrer dieser neuen Organisation bei, die den Sinn hatte, die ausgeschlossenen und verfolgten Pfarrer zu schützen und auch finanziell zu unterstützen, wenn sie kein Gehalt mehr erhielten. Bis Ende 1936 brachten die Mitglieder des Pfarrernotbundes fast eine halbe Million Reichsmark für die Verfolgten auf. Der Pfarrernotbund und andere Gruppen waren der Anfang der "Bekennenden Kirche", also der kirchlichen Widerstandsorganisation gegen die Nazi-Herrschaft.

Aufgaben:
Für welche Menschen würdest Du Partei ergreifen, auch wenn es Dich in Konflikte bringt? Notiere Dir mindestens drei Namen.

Bei welchen Rechtsverletzungen würdest Du auch für fremde Menschen Partei ergreifen? Notiere eine Rechtsverletzung.

Woran orientiert sich Dein Verhalten und Dein Gewissen? Notiere eine prozentuale Verteilung für folgende Orientierungspunkte: (Du darfst selbst formulierte Orientierungspunkte hinzufügen)
An dem was die meisten gut finden?
An dem was einige wichtige Menschen gut finden?
Am Mitgefühl mit dem Menschen, den Du siehst?
An der Bibel?
An ..................?

Beschreibe für jeden genannten Orientierungspunkt ein Beispiel.

Wir überspringen Niemöller's Verhaftung, Freilassung, Wiederverhaftung und seine Jahre in verschiedenen KZ's.

Nach der KZ-Lektion

Nach einigen Jahren KZ-Gefangenschaft hat Martin Niemöller später seine Erfahrung in berühmten Worten zusammengefasst, die zur wichtigen Warnung für jede Demokratie wurden. Meistens wird nur eine kleine Auswahl von zwei oder drei Sätze daraus zitiert. Niemöller selbst hat es bei verschiedenen Gelegenheiten in verschiedenen Variationen gesagt. Hier die vollständige Fassung:

Als sie die Juden holten, habe ich nicht protestiert, denn ich war kein Jude.
Als sie die Kommunisten holten, habe ich nicht protestiert, denn ich war kein Kommunist.
Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich nicht protestiert, denn ich war kein Gewerkschafter.
Als sie die Sozialdemokraten holten, habe ich nicht protestiert, denn ich war kein Sozialdemokrat.
Als sie die Katholiken holten, habe ich nicht protestiert, denn ich war kein Katholik.
Als sie mich holten, war niemand mehr da, der hätte protestieren können.

Für Lehrer*innen: Genaueres zu Niemöller findet sich auf der Seite imdialog.org

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