Titelschrift

Küstermann


Klasse 10

Weiterverwendung unter der Lizenz CC-BY-SA 4.0 (= Namensnennung und Weitergabe unter gleicher Lizenz)

Diese Seite in druckerfreundlichem PDF-Format

Material und Aufgaben zur Kirche in der Nazi-Zeit

Ein Brief

Die evangelischen Pfarrer in Breslau erhielten Anfang September 1941 einen kollegialen Brief, darin hieß es:

"Es ist Christenpflicht der Gemeinden, sie (= die jüdischen Christen) nicht etwa wegen der Kennzeichnung vom Gottesdienst auszuschließen. Sie haben das gleiche Heimatrecht in der Kirche, wie die anderen Gemeindemitglieder und bedürfen des Trostes aus Gottes Wort besonders. Für die Gemeinden besteht die Gefahr, daß sie sich durch nicht wirklich christliche Elemente irreführen lassen, daß sie die christliche Ehre der Kirche durch unchristliches Verhalten gefährden. Es muß ihnen hier seelsorgerlich, etwa durch Hinweis auf Luk. 10, 25–37, Matth. 25, 40 und Sach. 7, 9–10 geholfen werden."

Der Brief war eine Aufforderung zum Widerstand gegen die Diskriminierung von jüdischen Christen. Es ging um die am 5. September erfolgte Polizeiverordnung, die allen Juden das Tragen eines gelben Sternes als öffentliche Kennzeichnung befahl. Aber irgendjemand gab Informationen über den Brief weiter. Die Gestapo fahndete bald nach "dem judenfreundlichen Schreiber". Es stellte sich heraus, dass es eine Schreiberin war, die den Brief verfasst hatte:

Pfarrerin Katharina Staritz

Katharina Staritz (* 25. Juli 1903 in Breslau; † 3. April 1953 in Frankfurt am Main) war eine deutsche evangelische Theologin. Sie zählte zu den ersten Frauen, der die evangelische Kirche erlaubte, als Pfarrerin tätig zu sein. Sie hatte Theologie studiert und promoviert (= ihre Doktorarbeit geschrieben) und im Laufe der praktischen Ausbildung arbeitete sie in der Krankenhausseelsorge mit Kindern und hielt Ergänzungsunterricht für Konfirmanden aus weltlichen Schulen sowie Übertrittsunterricht für Jugendliche und Frauen. Dadurch kam sie in Kontakt mit Juden, die sich taufen lassen wollten.

Katharina Staritz wurde 1938 in Breslau eingesegnet, durfte aber nicht den Titel "Pfarrerin" tragen sondern wurde unter der Dienstbezeichnung "Stadtvikarin" geführt. Die Kirche schreckte noch ein wenig davor zurück, dass Frauen vollwertige Gemeindeleitungen sein konnten. Zu ihrem Arbeitsauftrag gehörte es, sich in der "Kirchlichen Hilfsstelle für evangelische Nichtarier" um jüdische Christen zu kümmern. Sie sorgte in dieser Hilfstelle zusammen mit Pfarrer Heinrich Grüber dafür, dass viele von ihnen auswandern konnten. 1937 wurde Pfarrer Grüber zum ersten Mal verhaftet; ab 1940 wurde er ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht, später nach Dachau. Katharina Staritz führte die Hilfsstelle ohne ihren Kollegen weiter, bis in den September 1941.

Nach ihrem judenfreundlichen Brief entband die Breslauer Kirchenleitung sie fristlos vom Dienst und beurlaubte sie. Zwei Monate später erschien im "Schwarzen Korps", einer SS-Zeitung, ein Artikel der die Bevölkerung gegen Katharina Staritz und gegen alle widerständigen Menschen aufhetzen sollte. Die Kirchenleitung drängte Staritz, Breslau zu verlassen. Sie ging nach Marburg, wo sie aber Anfang 1942 in "Schutzhaft" genommen und im März 1942 in das Polizeigefängnis nach Kassel überführt wurde. Katharina Staritz war vom 7. April 1942 bis zum 5. Juni 1942 im Arbeitserziehungslager Breitenau inhaftiert. Anschließend kam sie in das KZ Ravensbrück, wo sie zu den politischen Gefangenen zählte. Es folgte jedoch nie ein Prozess. Ihre "probeweise" Entlassung aus dem Konzentrationslager am 18. Mai 1943 verdankte sie ihrer Schwester Charlotte, die zahlreiche Eingaben bei den Kirchenbehörden und den Nationalsozialisten gemacht hatte.

Der Artikel in der Nazi-Zeitung erschien unter dem Titel : "Frau Knöterich als Stadtvikarin"

"Da gibt es beispielsweise in Breslau eine sogenannte Stadtvikarin, eine Dame also, die das seltsame und seltene Amt eines weiblichen Seelsorgers ausübt: Frau Lic. Staritz, Wagnerstr. 7. Sie dürfte sich in dieses Amt begeben haben oder man hat sie hinein geschickt wohl in der Annahme, daß ein solches 'letztes Aufgebot' in sonderlichem Maße befähigt sein würde, auf die weiblichen Tränendrüsen zu drücken, von denen man annahm, sie könnten, unmittelbarer als das bei Männern der Fall ist, unter Ausschaltung des kritischen Verstandes, auf das Herz einwirken. (…..) Wir zweifeln selbstverständlich nicht daran, daß jeder anständige Deutsche, möge er angehören welcher Konfession er wolle, nur Abscheu empfinden wird vor derartig unfasslichen Zumutungen, wie sie 'Frau Knöterich' hier empfiehlt".

Aufgaben:
Was ist judenfeindlich und frauenfeindlich in diesem Nazi-Artikel?
Wie hängen die beiden Feindlichkeiten zusammen?
Woher kann ein Mensch das Selbstbewusstsein bekommen, gegen solche Angriffe zu sich selbst zu stehen?
Recherchiere einen Menschen aus deiner Stadt, der von den Nazis ermordet wurde. Hilfreich bei der Recherche ist das Wort "Stolpersteine".

Weiter zu den modernen Wurzeln des Antijudaismus