Stell Dir vor, Du könntest alle Gespräche Deiner Mitschüler*innen, Deiner Eltern, Deiner Lehrer*innen mithören, diese sogar verändern oder verzögern oder verschwinden lassen. Stell Dir vor, Du könntest per Fernsteuerung darüber bestimmen, wer welche Informationen bekommt und wer nicht, welche Geräte bei wem funktionieren und bei wem sie nicht funktionieren, ohne dass Deine Eingriffe von anderen bemerkt werden könnten. "Entdecke die Möglichkeiten". Bleibe in dieser Phantasie ein paar Minuten lang, indem Du Dir ausmalst, wie Du die menschlichen Beziehungen der anderen beeinflussen könntest und was Du damit sonst noch alles tun könntest.
Nach dem Genuss stellst Du Dir bitte das Umgekehrte vor: Wenn irgendein anderer Mensch diese Macht über Dich hätte, wie würde sich das für Dich anfühlen? Wie hieß die goldene Regel aus der Bergpredigt: Was Du nicht willst, dass man Dir tu', das füg auch keinem andern zu. Das war jetzt das Sprichwort dazu. In der Bergpredigt hatte Jesus es nur ein bisschen anders formuliert. Welchen Schutz brauchst Du, um in Freiheit leben zu können?
Im Jahre 1983, also fünfhundert Jahre nach Martin Luther wurde Edward Snowden geboren. Dieser Edward Snowden wurde im Jahre 2013 zum wichtigsten "Whistleblower" der Freiheit. "Whistleblower" sind Menschen, die merken, wenn etwas ganz gewaltig schief läuft und die dann öffentlich Alarm schlagen (In die Trillerpfeife pusten), ohne dass ihnen das befohlen wurde, sondern weil sie selber es für wichtig und richtig halten. Whistleblower sind sehr wichtige und moralisch wertvolle Menschen, weil sie mehr auf ihr eigenes Gewissen hören, als auf die Anweisungen und Vertuschungsbemühungen ihrer Chefs. Bevor jemand zum Whistleblower wird, war er/sie zunächst Mitarbeitende von großen Organisationen (Regierungen, Firmen, Konzerne ), aber anstatt alle Befehle widerspruchslos auszuführen, denken Whistleblower mit dem eigenen Kopf. Sie prüfen sorgfältig, ob das was ihre Organisation macht, wirklich gut ist und falls notwendig, verständigen sie die Öffentlichkeit, auch wenn sie dafür in ihrer Organisation persönliche Nachteile in Kauf nehmen müssen.
Edward Snowden ist ein ehemaliger Agent, der als Computer-Fachkraft für die US-amerikanischen Geheimdienste CIA, NSA und DIA gearbeitet hat. Im Rahmen seiner Tätigkeit hatte er Zugang zu Informationen, die als streng geheim eingestuft waren. Er erfuhr manches über US-amerikanische Programme zur Überwachung der weltweiten Internetkommunikation (XKeyscore, PRISM, Stellarwind und Boundless Informant) sowie das noch umfassendere britische Überwachungsprogramm Tempora. Snowden kam zu der Überzeugung, dass diese Überwachungsprogramme eine große Gefahr für Freiheit und Demokratie darstellen. Nach eigenem Bekunden hat Snowden mehrfach versucht seine Bedenken bei öffentlichen Amtsträgern vorzubringen, allerdings vergeblich.
Bereits als er im Jahr 2007 von der CIA nach Genf geschickt worden war und ungehinderten Zugang zu geheimen Informationen und Überwachungsdaten gehabt habe, seien ihm erstmals Zweifel an der Rechtmäßigkeit seiner Arbeit gekommen:
„Ich erkannte, dass ich Teil von etwas geworden war, das viel mehr Schaden anrichtete als Nutzen brachte.“
Schon damals habe er darüber nachgedacht, die geheimen Überwachungspraktiken der US-Geheimdienste zu enthüllen, doch habe die Wahl von Barack Obama zum Präsidenten der Vereinigten Staaten in ihm die Hoffnung geweckt, dass der neue Präsident die fragwürdigen Praktiken der Geheimdienste abschaffen würde. Mit der Zeit gewann Snowden jedoch den Eindruck, dass Obama in Bezug auf die Geheimdienstpolitik genau so weitermachte wie sein Vorgänger George W. Bush. Dies führte für Snowden zu der unangenehmen Einsicht, dass er die Whistleblower-Rolle übernehmen müsse. 2013 machte Snowden die Existenz der Überwachungsprogramme öffentlich. Snowden tat dies, so sagt er "… weil ich es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren konnte, dass die US-Regierung die Privatsphäre, die Freiheit des Internets und grundlegende Freiheiten weltweit mit ihrem Überwachungsapparat zerstört." Da ihm bewusst war, welche Konsequenzen er persönlich mit der Veröffentlichung der Dokumente zu befürchten hatte, versteckte sich Snowden zunächst in Hongkong und stellte dann Asylanträge in verschiedenen Staaten. Die USA und Großbrittanien bekämpften Snowden und jagten ihn mit Haftbefehlen wegen Hochverrats, Spionage und ähnlicher Vorwürfe . Obwohl viele Menschen erkannt haben, wie wichtig und wie richtig Snowdens Tat war, wagte es keiner der westlichen Staaten, ihm Asyl zu bieten. Alle hatten Angst vor dem Konflikt mit den USA. Es blieb Snowden keine andere Zuflucht als Russland. Er lebt jetzt in Moskau.
Der frühere Direktor des amerikanischen Geheimdienstes CIA, James Woolsey, forderte beim Nachrichtensender Fox News, Snowden solle wegen Hochverrats angeklagt und nach seiner Verurteilung hingerichtet werden.
Laut einer Umfrage der Quinnipiac University (Connecticut/USA) halten 55 Prozent der US-Bürger Edward Snowden für einen "Whistleblower" mit einem gerechten Anliegen, 34 Prozent halten ihn dagegen für einen Verräter.
Edward Snowden wurde für seinen Mut und seine Kompetenz mehrfach von nichtstaatlichen Organisationen ausgezeichnet.
Im Jahr 2014 erhielt er den Ehrenpreis des Right Livelihood Award (auch Alternativer Nobelpreis genannt).
2016 wurde er für den Friedensnobelpreis nominiert.
Am 29. Oktober 2015 empfahl das Europäische Parlament den Mitgliedstaaten, alle Vorwürfe gegen Snowden fallen zu lassen und ihm als Menschenrechtler Schutz zu gewähren.
Zahlreiche Bürgerrechts- und Menschenrechtsgruppen weltweit bekundeten Snowden ihre Unterstützung, beispielsweise Jesselyn Radack, eine ehemalige hochrangige Mitarbeiterin des US-Justizministeriums, die sich für Whistleblower einsetzt.
Ihr könnt auch schon mal einen Blick auf Jan Hus (Johannes Huss) werfen, einen Vorgänger Luther's (und Snowdens?).
Und drei Blicke auf die besten Zeichnungen .